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Shéhérazade: Film von Jean-Bernard Marlin Der Norden von Marseille

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„Shéhérazade“ nimmt uns mit in den Norden von Marseille und erzählt von einem 17-Jährigen Ex-Knacki und einer 16-jährigen Prostituierten, die von einem gemeinsamen Leben träumen.

Quartiers nord, Marseille.
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Bild: Quartiers nord, Marseille. / Jeanne Menjoulet (CC BY 2.0 cropped)

7. Oktober 2018

7. Okt. 2018

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Das ist nicht so märchenhaft, wie der Titel verspricht. Vielmehr zeigt das Drama das Milieu als eines, aus dem es so leicht keinen Ausweg gibt – auch weil die Alternativen fehlen und die Straße zu sehr in den Köpfen der Menschen steckt.

Als der 17-jährige Zachary (Dylan Robert) aus dem Gefängnis kommt, will er einfach nur wenig, die Zeit im Knast hinter sich lassen, wieder von vorne anfangen. Doch das ist alles einfacher gesagt als getan. Seine arbeitslose Mutter will ihn nicht bei sich aufnehmen, da sie sich nicht um ihn sorgen kann. Und auch seine Freunde gehen auf Abstand, da sie befürchten, durch ihn mit der Polizei Schwierigkeiten zu bekommen. Mehr aus Zufall lernt er die 16-jährige Shéhérazade (Kenza Fortas) kennen, die ihren Körper auf der Straße verkauft, verliebt sich in sie und wird zu ihrem Zuhälter. Eine Zeit lang geht das Arrangement gut. Aber schon bald kommt es zu neuem Ärger, allen voran mit Ryad (Idir Azougli), der aus demselben Milieu stamm wie Zach.

Auch wenn der Titel natürlich auf sie verweist, mit der berühmten Geschichtenerzählerin aus Tausendundeiner Nacht hat Shéhérazade nur wenig gemein. Das französische Drama mag zwar oft in der Nacht spielen oder zumindest in der Dunkelheit. Und für einen kleinen Moment mag das geneigte Publikum sogar daran glauben, dass für Zachary alles gut geht, dass die Liebe der jungen Prostituierten ihm zu einem besseren Leben verhilft. Jean-Bernard Marlin hat daran jedoch nur wenig Interesse, verweigert uns die zauberhafte Flucht aus dem Unglück, verweigert uns das Märchen.

Schön ist hier nur wenig

Vielmehr ist das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs und Co-Autors sehr um Authentizität bemüht. Das bedeutet die Arbeit mit Laienschauspielern, die eher die Straße und deren Sprache mitbringen, jedoch keine Erfahrung vor der Kamera. Es bedeutet auch, dass die Kamera nicht mit Vorzeigebildern nach Hause kommt, sondern ungeschönten, teils recht wackligen Aufnahmen aus einer anderen Welt. Nicht umsonst gilt Marseille als eine der Hochburgen französischer Kriminalität. Ein malerischer Hafen und südfranzösische Leichtigkeit treffen hier auf organisierte Banden, auf Drogen und Gewalt.

Ein reines Gangsterdrama ist Shéhérazade dennoch nicht. Dafür sind die Protagonisten auch zu jung, Erwachsene Mangelware. Zacharys Mutter taucht am Anfang und gegen Schluss auf. Ansonsten stehen Volljährigen hier ausschließlich Rollen als Funktionsträger zur Verfügung: Angestellte im Krankenhaus, Behörden, Justiz. Gesichter ohne Namen. Der Film konzentriert sich stattdessen auf die beiden Jugendlichen und ihren Versuch, ein normales Leben zu führen, in einem Umfeld, das ein solches nicht erlaubt. Oder zumindest sehr unwahrscheinlich macht.

Kriminalität als Lebensinhalt

Geld gibt es hier keins, auch keine Perspektive, das zu ändern. Marlin, der zuvor mehrere Kurzfilme gedreht hat, berichtet aus einem Milieu im Norden der Stadt, in der Kriminalität fast zwangsläufig entsteht. Alternativen gibt es für die Arbeitslosen schließlich keine, ebenso wenig Vorbilder. Das macht das Drama, welches auf der Semaine de la Critique in Cannes 2018 gezeigt wurde, zu einem recht harten Brocken. Hier gibt es eben keine Huren mit goldenen Herzen. Auch Zach ist nicht unbedingt das, was man einen Helden nennen würde. Er flucht, neigt zur Gewalt, hält sich an keine Regeln und bedeutet für jeden Ärger, der ihm zu nahe kommt. Er hat nicht einmal den Charme, mit dem andere Filmtaugenichtse ihre Mängel überspielen.

Und doch gewinnt der Film, der im Rahmen diverser Festivals auch dem deutschsprachigen Publikum gezeigt wird – beispielsweise das Kinder- und Jugendfilmfest Schlingel in Chemnitz –, dadurch seine emotionale Kraft. Mal ist es rührend zuzusehen, wie Zach ein normales Leben imitiert, ohne dieses zu kennen. Mal ist es traurig. Und dann wieder erschreckend, wenn sich zeigt, dass die Straße einfach nicht auf ihm herauszubekommen ist. Von den Leuten in seinem Umfeld ganz zu schweigen. Wie es ausgeht? Das lässt Shéhérazade offen, ergibt sich weder dem Pessimismus, noch darf Zach einfach so aus seinem Teufelskreis aussteigen. Immerhin aber zeigt Marlin, dass man nicht gleich aufgeben sollte, dass am Ende vielleicht doch noch ein kleines Märchen wartet, wenn die Nacht vorbei ist.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Shéhérazade

Frankreich 2018 - 109 min.

Regie: Jean-Bernard Marlin
Drehbuch: Jean-Bernard Marlin, Catherine Paillé
Darsteller: Dylan Robert, Kenza Fortas, Idir Azougli
Produktion: James Keach, Cathy Konrad
Musik: Samuel Aïchoun
Kamera: Jonathan Ricquebourg
Schnitt: Nicolas Desmaison

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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