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Madame Bovary von Claude Chabrol | Untergrund-Blättle

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Madame Bovary von Claude Chabrol Tödliche Enge

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Gustave Flauberts (1821-1880) zunächst 1856 in der Zeitschrift „Revue de Paris“,dann 1857 in Buchform erschienener Roman „Madame Bovary“, zeitweise verboten wegen „Verstoss gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion“, auf deutsch erst 1907 herausgegeben, reizte etliche Regisseure vor Claude Chabrol zu einer Visualisierung.

6. Juli 2018

6. Jul. 2018

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Zu nennen wären hier v.a. Vincenti Minellis Film aus dem 1949 (mit Jennifer Jones, James Mason, Van Heflin und Louis Jordan in den Hauptrollen) sowie Jean Renoirs Adaption von 1933. 1937 wagte sich Gerhard Lamprecht (mit Pola Negri in der Hauptrolle), 1947 der Argentinier Carlos Schlieper an den Stoff. Daneben existieren sechs TV-Produktionen, u.a. 1968 von Hans-Dieter Schwarze (mit Elfriede Irall, Günter Strack und Dietmar Schönherr) und zuletzt etwa Tim Fywells Produktion aus dem Jahr 2000 mit Frances O’Connor als Emma Bovary.

Chabrols Adaption ist einerseits stark beeinflusst von Flauberts sezierender Kritik des Bürgertums, aber auch von dessen Schilderung der Unvereinbarkeit stark romantisierender Vorstellungen mit der kleinbürgerlichen Welt, in der die Bovary aufwächst und lebt. Zum anderen geht Chabrol den Weg einer nüchternen, manchmal fast trockenen, sehr profanen und schnörkellosen Inszenierung der Geschichte Emma Bovarys.

Emma (Isabelle Huppert), Tochter eines begüterten Bauern (Jean-Claude Bouillaud), wächst in der Enge der französischen Provinz auf. Sie lernt den schüchtern wirkenden, vor allem aber biederen und mit seinem Leben offenbar vollauf zufriedenen Arzt Charles Bovary (Jean-François Balmer) kennen und heiratet ihn. Doch die Unzufriedenheit ihres bisherigen Lebens zu Hause setzt sich auch in der Ehe mit Charles fort. Als ihr Mann eine Einladung zu einem Ball eines Aristokraten erhält, sieht Emma zum ersten Mal die Welt des Adels, Bürgertums und des Geldes und erklärt ihrem Mann, dies sei der schönste Tag in ihrem Leben gewesen.

Emma, die sich in die Welt der Musik und der schöngeistigen Literatur vergräbt und hier ihre Träume findet, fragt sich bald, warum sie überhaupt geheiratet hat. Charles, der die Gefühle seiner Frau nicht kennt, nur sieht, dass die Unzufriedenheit Emmas grösser wird, beschliesst, seine Praxis in eine grössere Stadt zu verlegen, nach Yonville in der Nähe von Rouen. Sie ist schwanger und die Bovarys bekommen ein Mädchen, Berthe.

In Yonville lernt Emma den jungen angehenden Anwalt Leon Dupuis (Lucas Belvaux) kennen, mit dem sie sich des öfteren trifft. In ihm sieht Emma einen Hoffnungsschimmer für ein anderes Leben. Doch obwohl oder gerade weil sich Leon in Emma verliebt, geht er nach Paris. Emma fühlt sich immer eingeengter in eine Welt, in der jeder Tag wie der andere aussieht, in einer Stadt, die von Männern wie dem geschäftstüchtigen Apotheker Homais (Jean Yanne) und dem ebenso geldgierigen Stoffwarenhändler Lhereux (Jean-Louis Maury) geprägt ist.

Erst der reiche und gut aussehende Landbesitzer Rodolphe Boulanger (Christophe Malavoy) lässt Emma wieder hoffen, ihre romantischen Phantasien könnten Wirklichkeit werden. Während eines für die reichen Bewohner Yonvilles wichtigen Landwirtschaftsfestes macht Boulanger Emma den Hof, redet gegen die öffentliche Moral und die Konventionen. Emma beginnt eine heimliche Liaison mit ihm. Ihre Ehe mit Charles wird für sie immer erdrückender, obwohl Charles sie liebt und ihr immer wieder zur Seite steht. Gleichzeitig lebt Emma über ihre Verhältnisse und verschuldet sich mehr und mehr bei Lhereux. Als sie Boulanger bittet, mit ihr aus der Enge der Kleinstadt auszubrechen, macht der einen Rückzieher.

Und auch das Wiedersehen mit Leon, mit dem Emma wenig später eine Liebschaft beginnt, rettet die Familie Bovary nicht vor dem finanziellen Ruin. Schliesslich scheint für Emma nur noch der Selbstmord als Ausweg aus ihren gescheiterten Sehnsüchten und einem erhofften ganz anderen Leben.

Chabrols Adaption dieses (von manchen für unverfilmbar gehaltenen) Romans Flauberts wirkt auf den ersten Blick zu stark unterkühlt, fast gefühllos, „mechanisch“ erzählt. Lässt man den Film jedoch noch einige Zeit auf sich wirken, wird deutlich, welch fantastischen Realismus Chabrol in das Spiel der Schauspieler und die Geschichte einfliessen lässt, wie er ohne Schnörkel die kleinbürgerlichen Verhältnisse in ihrer Substanz ausbreitet und selbst in den (scheinbar) romantischen Szenen – wenn Emma ihre Verhältnisse mit Boulanger und Leon auszuleben scheint – die Skrupellosigkeit und Berechnung aller Handelnden enthüllt.

Zu danken ist diese Art der Inszenierung vor allem auch der Hauptdarstellerin Isabelle Huppert, die wie gewohnt exzellent eine Frau darstellt, die ihr vermeintliches Glück nicht in sich selbst, sondern in erträumten, romantisierten Vorstellungen sucht. Die Bälle, das Geld, die grosse Liebe eines Mannes, das Ansehen der feinen Gesellschaft scheinen Emma das Erstrebenswerte. Die Huppert spielt Emma als äusserlich zumeist gefasste, ihre Emotionen nach aussen meist verbergende Frau, die oft kalt ihre Sehnsüchte träumt und sie zu realisieren sucht, und die, wenn sie die Enge und die Gesetze der kleinbürgerlichen Welt, der sie nicht wirklich entkommen kann, einholen, im nervlichen Zusammenbruch und in der Hysterie den einzigen Ausweg für ihre psychischen wie physischen Kollaps finden kann. Mit steinerner Miene kommentiert die Huppert – hierin ist sie grandios (man vergleiche ihre Rolle der Frau Professor Kohut in „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke nach einem Roman von Elfriede Jelinek; oder auch ihre Augustine in François Ozons „8 femmes“) –, wozu andere Schauspieler(innen) einen enormen Aufwand an Gestik und Mimik benötigen.

Chabrol kann aber auch auf den Rest des Ensembles setzen, auf den einen biederen, fast tölpelhaften, nichtsdestotrotz grundehrlichen und liebenden Charles Bovary spielenden Jean-François Malavoy, auf den einen skrupellos spekulierenden Händler verkörpernden Jean-Louis Maury und nicht zuletzt auf den einen in der kleinbürgerlichen Welt emporkommen wollenden Apotheker mimenden Jean Yanne. Auch die beiden Liebhaber der Emma – den romantisch veranlagten Leon Dupuis und den Frauenheld Boulanger – werden von Lucas Belvaux und Christophe Malavoy überzeugend gespielt.

So entsteht das Sittenbild einer Welt, der entweder keiner entkommen will oder keiner entkommen kann, in der letztlich das Geld über alle Moral, alle Sehnsüchte, alle Liebe und Liebschaften, alle Hoffnungen und Wünsche siegt. Chabrol gelingt es, auch Emmas Verlorenheit in dieser Welt plastisch und drastisch zu schildern. Als sie – hoch verschuldet – zum Schluss Boulanger und Leon um Geld bittet, um dem familiären Ruin zu entgehen, lassen sie beide im Stich. Der Selbstmord erscheint in dieser Katastrophe der für Emma einzige Ausweg. Nicht nur das: Die Verlogenheit, die hinter moralischer Fassade mehr schlecht als recht versteckte Gier der örtlichen Honoratioren, der Emma zum Opfer fällt und denen sie sich – unbewusst – zugleich als Opfer angeboten hatte, steht Emmas Gier nach einer Welt des Luxus und der Begierde gegenüber, die sie für den Anfang eines „ganz anderen Lebens“ und die Erfüllung von Glück hält. Sie kann nicht verstehen, dass sich ihr diese Welt verschliesst, weil sie zum grössten Teil aus eigenen Illusionen besteht.

Besonders drastisch kommt Chabrols Interpretation auch dort zum Ausdruck, wo es um das Verhältnis Emmas zu ihrem Mann und ihrer Tochter geht. Für beide empfindet sie letztlich kein Interesse. Nur ab und an leuchten in Emmas Augen die Zuneigung zu ihrem Kind und die Dankbarkeit für ihren Mann auf. Doch dies sind mehr unbewusste Reflexe einer in Emma verborgenen, von ihr aber bekämpften und eingesperrten wirklichen Fähigkeit zur Liebe, die von ihren illusionären und anderen gegenüber skrupellosen Phantasien besiegt wird.

Der Selbstmord Emmas ist letztlich auch Ausdruck ihrer Kapitulation vor einer Welt, in der sie nicht leben, gegen die sie aber auch kein eigenes Leben setzen konnte, weil sie diese von ihr gehasste Welt immer wieder für sich in Anspruch genommen hatte.

Chabrols Adaption des Stoffes gehört für mich zu den am meisten beeindruckenden und zugleich erschreckenden Romanverfilmungen der Filmgeschichte.

Ulrich Behrens

Madame Bovary

Frankreich 1991 - 136 min.

Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Claude Chabrol, nach dem Roman von Gustave Flaubert
Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-François Balmer, Christophe Malavoy
Produktion: Michèle Abbé-Vannier
Musik: Matthieu Chabrol, Maurice Coignard
Kamera: Jean Rabier
Schnitt: Monique Fardoulis

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