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Rezension zum Film von Agnieszka Holland Die Spur: Eine Frau sieht rot

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Sie lebt mit ihren geliebten zwei Hunden in einem kleinen polnischen Ort der Sudety, der ehemaligen deutschen Sudeten, nahe der tschechischen Grenze, ist Mitte 60 und ein bisschen verrückt: Janine Duszejko, die darauf besteht, bei ihrem Nachnamen genannt zu werden.

Die Regisseurin Agnieszka Holland bei der Vorstellung des polnischen Films «Die Spur» auf der Berlinale 2017.
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Bild: Die Regisseurin Agnieszka Holland bei der Vorstellung des polnischen Films «Die Spur» auf der Berlinale 2017. / Martin Kraft (photo.martinkraft.com) via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

17. Januar 2018

17. Jan. 2018

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Wäre sie vollständig verrückt, könnten die Leute sie ignorieren, aber sie ist durchaus auch von dieser Welt: sie hat früher mal Brücken gebaut und unterrichtet jetzt noch Englisch an der örtlichen Grundschule.

Und sie sieht die Welt mit den Augen und der Sprache des englischen Dichters und Naturmystikers William Blake: die Welt ist eine schöne Schöpfung. Und, setzt Duszejko für sich hinzu, wer sie zerstört, ist ein Verbrecher. Mit dieser Sichtweise kann man schon mal in Schwierigkeiten mit einer Gemeinde geraten, wo es eine Fuchsfarm gibt, in der Tiere in kleinen Käfigen dahin vegetieren, bevor ihnen das Fell abgezogen wird und wo das Jagen in den nahen Wäldern eine wichtige Beschäftigung für die Männer ist.

So nervt Duszejko die Mitarbeiter der örtlichen Polizeidienststelle regelmässig mit Anzeigen und Briefen über Wilderer, die ausserhalb der Saison das falsche Wild jagen, aber eigentlich findet sie Jagen überhaupt schlimm; dass man „am 28.Februar noch ein Tier nicht umbringen darf, am 1. März das jedoch schon wieder rechtens ist.“ Den Jagdsaison – Kalender, der im Amts-Flur hängt, lässt Duszejko denn auch einfach unter ihrer Jacke mitgehen.

Plötzlich verschwinden ihre beiden Hunde scheinbar spurlos. Duszejkos Suche bleibt ohne Erfolg. Sie geht zum Pfarrer der Gemeinde und klagt ihm ihre Trauer um ihre beiden „Töchter“, wie sie die verlorenen Hunde nennt. Der Pfarrer warnt sie, sich nicht zu versündigen. Man dürfe Tiere nicht wie Menschen behandeln, sie seien „dem Menschen untertan“. Denselben Pfarrer attackiert Duszejko verbal während einer Predigt in der vollen Kirche. Fast bekommt man Angst um diese Frau, dass sie wegen dieser ständigen Proteste gegen Selbstverständliches eines Tages den Zorn der Männer auf sich zieht und selbst gejagt wird.

Dann stirbt ein Nachbar in seinem Haus, und Duszejko und ein anderer befreundeter Nachbar entdecken den Toten und seine Hinterlassenschaften.

Kurz danach beginnt eine rätselhafte Mordserie. Die Opfer sind Männer, die alle auf brutale Weise mit stumpfen Gegenständen erschlagen werden und blutig und entstellt im Wald gefunden werden. Zu ihnen gehören der Polizeichef, der Bürgermeister und der katholische Pfarrer, also genau die Männer, mit denen Duszejko aneinandergeraten ist. Alle waren Jäger. Haben sich die Tiere zusammengetan gegen ihre Peiniger, wie die Duszejko behauptet? Was steckt dahinter?

Der Film erzählt auch von der Entstehung der Freundschaft zwischen lauter schrägen Leuten, die irgendwie anders sind: der junge Mann mit den epileptischen Anfällen, der als Computerspezialist bei der Polizei arbeitet und Angst vor Entlassung hat, die zarte Dobra, Inhaberin eines Second-Hand-Shops, die ihren kleinen Bruder nicht aus dem Heim bekommt, ein besessener Naturforscher, der die Vernichtung der Insekten durch die Forstwirtschaft als „Holocaust“ bezeichnet und ein einsamer Nachbar. Der Film inszeniert die Traumata und Erfahrungen der Kindheiten dieser Figuren wie kleine Flashbacks, wechselt schnell die Perspektiven wie ein Roman.

Sie alle eint, dass sie die menschliche Gesellschaft als Aussenseiter kennen, dass sie die radikale Duszejko mögen und ihr Wärme und Gesellschaft geben. Ein bisschen wie in dem Grimm- Märchen „Sechse kommen durch die ganze Welt“ brechen die zufälligen Freunde dann auf, um gemeinsam ein Abenteuer zu bestehen: Duszejko in die Freiheit zu retten. Ein Fluchtdrama der ganz eigenen Art.

Für die literarische Vorlage durch den Roman „Prowadź swój pług przez kości umarłych.“ (dt. Titel: „Der Gesang der Fledermäuse“) von Olga Tokarczuk findet Holland eine grosse Kinosprache. Der Film hatte eine ungewöhnlich lange Drehzeit, denn er geht durch die Jahreszeiten. Schneebedeckte Wälder im Winter, das zarte Grün des Frühlings, die Sattheit der Natur im Sommer. Besonders für unsere inzwischen hochglanz -gewohnten Augen ist auch die raue osteuropäische Erzählsprache: die dämmrigen Wohnräume der Bauernhäuser, die wettergegerbten, natürlichen Gesichter ihrer Bewohner, die nervenzerrenden Ausbrüche der manchmal komischen Hauptfigur, dann wieder zur Abwechslung Duszejkos Ernsthaftigkeit in Gesprächen mit den Schulkindern, mit den Freunden, in den Liebesszenen mit dem ihr mental verwandten Insektenforscher; dazu pathetische Natur-Aufnahmen, fotografiert aus der Luft, schneeige Abhänge, dichte Wälder mit Sonnentupfen, stille Szenen mit Hirschen, Wildschweinen, Dachsen, Käfern.

Desto alarmierender wirken immer wieder die trockenen Schüsse, die die Luft zerreissen und Wildschweinformationen durch die Gegend hetzen oder Hirsche fliehen lassen. Der Film zeigt in ungeschönten Einzelheiten die Zerstörung der natürlichen Welt durch den Menschen, plädiert dafür, sich dagegen zu empören wie die nimmermüde Duszejko. Die Regisseurin Agnieszka Holland hält mit dieser kleinen geschlossenen Dorf-Gemeinde der restlichen Zivilgesellschaft den Spiegel vor und tarnt ihr verrücktes, gesellschaftskritisches Drama als Krimi.

Die Aufklärung der Mordserie erfolgt dann lückenlos, und radikal emanzipatorisch ist der Ausgang der Geschichte, das Schlussbild wie aus einem Gemälde von William Blake…

Agnieszka Holland hat als Regisseurin eine Welt-Reise hinter sich. Begonnen hatte sie Ende der 70iger als Assistentin der beiden wichtigen polnischen Regisseure Andrej Wajda und Krzysztof Zanussi, verliess noch vor Verhängung des Kriegsrechts 1981 Polen in Richtung Frankreich, wo sie als Autorin in Wajdas Revolutionsdrama „Danton“ mitwirkte und später 1995 mit dem noch unbekannten Leonardo Di Caprio den intensiven Independent –Film „Total Eclipse“ über die Liebesbeziehung zwischen Paul Verlaine und Arthur Rimbaud drehte. In Deutschland machte sie 1990 Furore mit „Hitlerjunge Salomon“. Später arbeitete sie in den USA, wo sie 2015 zwei Folgen der Erfolgsserie „House Of Cards“ inszenierte.

Mit dieser Romanverfilmung kehrt Agnieszka Holland in ihre Heimat Polen zurück– und sieht sie mit neuen Augen.

Angelika Nguyen
telegraph.cc

Die Spur

Polen 2018 - 129 min.

Regie: Agnieszka Holland
Drehbuch: Agnieszka Holland
Darsteller: Agnieszka Mandat-Grabka, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot
Produktion: Krzysztof Zanussi
Musik: Antoni Lazarkiewicz
Kamera: Jolanta Dylewska
Schnitt: Pavel Hrdlicka

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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