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Instrumentalisierung des Holocausts zu politischen Zwecken So wird heute die Islamophobie propagiert

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Um die zunehmende Kritik an der Siedlungspolitik Israels zu schwächen, fördern Israel-freundliche Plattformen die Islamophobie.

Stummer Protest gegen Islamophobie in Washington D.C., März 2017.
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Bild: Stummer Protest gegen Islamophobie in Washington D.C., März 2017. / Lorie Shaull (CC BY-SA 2.0 cropped)

18. Mai 2017

18.05.2017

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«Rechtsextremer Antisemitismus bleibt weiterhin in vielen Teilen Europas ein Problem, ebenso wie in den recht kleinen Kreisen der Alt-Right-Bewegung in den USA. Doch linksradikaler und islamisch motivierter Antisemitismus ist das weitaus grössere Problem im heutigen Amerika, vor allem an Universitäten.»

Antisemitismus von Rechtsextremen sozusagen ganz normal, Antisemitismus von Linksextremen aber viel gefährlicher? Was steckt hinter dieser nicht leicht zu verstehenden Differenzierung?

Alan M. Dershowitz, der den oben zitierten Satz auf der Plattform des Gatestone Institute geschrieben hat, kritisiert als emeritierter Harvard-Professor der Rechtswissenschaft und als aktiv politisierender Jude in seinem Artikel nicht etwa Sean Spicer, Trumps Pressesprecher, der vor ein paar Tagen erklärte, nicht einmal Hitler habe Gas eingesetzt, um «seine Leute» umzubringen, im Gegensatz zu Assad, der das mache. Nein, Dershowitz kritisiert die Demokraten, die Spicer jetzt kritisieren und zum Teil sogar dessen Rücktritt fordern. Dershowitz wörtlich: Spicers «Entschuldigung folgte schnell und war aufrichtig. Von Antisemitismus war in seiner historisch falschen Aussage nichts zu spüren und mit einer Entschuldigung hätte die Angelegenheit beendet werden sollen. Stattdessen nahmen seine politischen Gegner den Fauxpas zum Anlass, Stimmung unter den Juden zu machen. Damit machten sie sich der Instrumentalisierung des Holocausts während des Pessach-Festes schuldig.»

Warum diese Kehrtwendung? Warum darf Sean Spicer Hitlers millionenfachen Mord an Juden mit Gas vergessen oder verdrängen oder sich sogar erlauben, davon noch nie etwas gehört zu haben? Warum aber, auf der anderen Seite, ist es eine «Instrumentalisierung des Holocaust», wenn er, Sean Spicer, nun kritisiert wird?

Es geht nicht um Antisemitismus, es geht um die «Islamophobie»

Wer sich die Mühe nimmt, über einige Zeit die Publikationen des Gatestone Institute zu lesen, der weiss, wie das kommt. Gatestone lässt keinen Tag verstreichen, ohne Stimmung gegen die Muslime zu machen. Da kommen so penetrante Islam-Kritiker zu Wort wie der Italiener Giulio Meotti von der Zeitung Il Foglio oder auch Geert Wilders aus Holland. Es geht immer darum, die Muslime schlecht zu machen. Achtung: nicht etwa nur die Islamisten, die Dschihadisten, die muslimischen Fundamentalisten, sondern die Muslime generell!

Deshalb: Rechtspopulisten und Rechtsextreme sind zwar Antisemiten, aber sie hassen immerhin auch die Muslime. Deshalb sind sie halb so schlimm. In den USA aber gibt es mehr und mehr Gruppierungen, die sich klar und deutlich gegen jede Art von Rassismus, also auch gegen die Islamophobie aussprechen – und sogar dafür demonstrieren (siehe Bild oben). Deshalb sind diese «Linksextremisten», wie Dershowitz sie nennt, so gefährlich, viel gefährlicher als Rechtsextreme: Sie engagieren sich gegen die Islamophobie!

Und warum darf man nicht gegen die Islamophobie sein?

Die Erklärung kommt aus Israel

Man schaue sich wieder einmal die Website des BESA Center for Strategic Studies in Tel Aviv an. Dort findet man einen aktuellen Artikel von Max Singer. Im Executive Summary, der Zusammenfassung des Artikels, steht da wörtlich: «We need a new word, 'Islamophobia-phobia' (IPP), or excessive fear of Islamophobia. The term 'Islamophobia' was coined to refer to hostility to, or excessive fear of, Islam. Avoiding prejudice against Muslims is a noble cause, but carried too far, the fear of Islamophobia prevents a realistic response to Islamism’s attacks on the West.»

(«Wir brauchen ein neues Wort: 'Islamophobie-Phobie' oder exzessive Ablehnung der Islamophobie. Das Wort 'Islamophobie' ist kreiert worden, um die Angst vor dem Islam, die Ablehnung des Islam, zu bezeichnen. Vorurteile gegenüber dem Islam zu vermeiden ist zwar eine noble Haltung, aber führt zu weit weg. Die Ablehnung der Islamophobie verhindert eine realistische Antwort auf die Angriffe des Islamismus auf die westliche Welt.»)

In Kurzform: Es braucht, so Singer, die Islamophobie, die Ablehnung des Islam, weil diese Ablehnung des Islams zur Verteidigung der westlichen Welt notwendig ist. Oder noch klarer: Antisemitismus ist inakzeptabel, Islamophobie aber ist erwünscht.

Religiöse Toleranz, einer der sogenannten Werte der westlichen Welt, sieht allerdings anders aus.

Gatestone propagiert die Islamophobie

Letztlich geht es, einmal mehr, um Israel. Weil Israel zur Kenntnis nehmen muss, dass seine Siedlungspolitik vor allem in Europa, mehr und mehr aber auch in den USA kritisiert wird, muss als Abwehr Muslim-Hass kreiert werden. Zu diesem Zweck gibt es denn auch eine ganze Reihe von Plattformen mit recht prominenten Kommentatoren. Und viele von ihnen arbeiten eng zusammen. Ein echtes Netzwerk. So gibt es zum Beispiel auch zwischen dem Gatestone Institute und der Schweizer PR-Plattform Audiatur online eine enge Zusammenarbeit. Auf der Audiatur-Plattform erscheinen Artikel der Gatestone-Plattform und auf der deutschen Ausgabe der Gatestone-Plattform steht sehr oft: «Übersetzung Audiatur Online.»

Zum Beispiel auch bei dem oben zitierten Artikel von Alan M. Dershowitz. Und viele Übersetzungen von englisch geschriebenen Artikeln, zum Beispiel solchen von Giulio Meotti, stammen vom Schweizer Computerfachmann Daniel Heiniger. Daniel Heiniger schreibt Übersetzungen sowohl für Audiatur online wie auch direkt für das Gatestone Institute. Für die Plattform des Gatestone Institute zum Beispiel am 22. Dezember 2016 einen Artikel des holländischen Rechtsaussen-Politikers Geert Wilders. Daraus nur drei Sätze: «Wir müssen unsere Gesellschaften ent-islamisieren ... Doch alles beginnt mit Politikern, die den Mut haben, sich der Wahrheit zu stellen und sie auszusprechen. Immer mehr Bürger sind sich dessen bewusst. Deshalb braut sich in Europa eine politische Revolution zusammen. Patriotische Parteien wachsen rasant. Sie sind Europas einzige Hoffnung für eine bessere Zukunft.»

Daniel Heiniger betreibt auch noch eine zweite persönliche Website, Politisches. Blog-Net.ch. Dort erklärt er, dass die von ihm übersetzten Texte in etwa auch seine eigene Meinung wiedergeben.

Alles in allem ziemlich widerlich. Trotzdem, für unverbesserliche Optimisten vielleicht sogar zum Schmunzeln: Auf der Website des schreibfreudigen Schweizer IT-Spezialisten findet man auch einen Text zum Thema Frieden. Headline: Friede bedingt Liebe. In den von Daniel Heiniger übersetzten Texten für Audiatur online und Gatestone sucht man diese Weisheit allerdings vergeblich ...

Instrumentalisierung des Holocausts zu politischen Zwecken

Doch zurück zu Dershowitz. Der emeritierte Harvard-Professor ist hochgeachtet, als Publizist berühmt, allerdings auch umstritten. So etwa stiess sein Vorschlag, bei von Palästinensern verübten Selbstmord-Anschlägen deren Dörfer dem Erdboden gleichzumachen, nicht nur auf Begeisterung. Und auch seine Befürwortung der Folter als Drohung nach 9/11 löste eine hitzige Debatte aus.

Einer von Dershowitz' Lieblings-Feinden ist Norman G. Finkelstein, selber Sohn einer polnisch-jüdischen Familie, die den Holocaust überlebt hat. Bekannt geworden ist Finkelstein wegen seiner Bücher. In diesen wehrt er sich immer wieder gegen die «Instrumentalisierung des Holocaust» – nicht durch die US-Demokraten, wie jetzt von Alan M. Dershowitz beklagt, sondern durch die Juden selber. Titel seines bekanntesten Buches: «Die Holocaust-Industrie.» – In Deutschland ist das Thema heikel. Hier musste Finkelstein im Jahr 2010 aufgrund zahlreicher Proteste auf geplante und bereits angekündigte öffentliche Auftritte verzichten.

Die von Max Singer empfohlene Politik – Islamophobie dient der Verteidigung der westlichen Welt – wird mittlerweile von der israelischen Regierung aggressiv umgesetzt. Wer gegen Islamophobie auftritt, wird ausgegrenzt. Der Nicht-Empfang des deutschen Aussenministers Sigmar Gabriel durch Netanyahu vor zwei Tagen ist das jüngste Beispiel. Mit der Organisation «Breaking the Silence» zu reden, nach europäischen Wertmassstäben schon fast ein Muss, hat nicht mehr Platz.

* * * * * * * * *

Nachtrag vom 28.4.2017:

Heute morgen hat sich die Redaktion von Audiatur-online bei mir per Email gemeldet. Meine «Behauptung», so die Redaktion, «dass Audiatur-Online mit dem Gatestone-Institute 'zusammenarbeite'», sei «falsch. Audiatur-Online übernimmt lediglich gewisse Texte von Gatestone-Institute und übersetzt diese in Eigenregie.»

Fakt ist: Ein Klick auf die Suchfunktion der Website Audiatur-online zeigt, dass seit April 2012 nicht weniger als 275 (!) Artikel von Gatestone übernommen wurden. Gibt man im Suchfeld der Website des Gatestone Institute umgekehrt «Audiatur Online» ein, meldet das System 71 Beiträge, die von Audiatur-online ins Deutsche übersetzt wurden.

Keine Zusammenarbeit?

Auf der Website des Gatestone Institute erscheinen viele Artikel nicht nur in englischer, sondern auch in deutscher Sprache. Dann steht, wer das übersetzt hat, wie hier sichtbar. Oft steht da: Übersetzung: Audiatur Online. Eine «Zusammenarbeit» ist das nach Ansicht der Redaktion von Audiatur-online aber nicht.

Ausserdem schreibt die Redaktion von Audiatur-online, Daniel Heiniger habe «noch nie Texte für Audiatur-Online übersetzt.» In den beiden auf der Website zu sehenden Fällen habe «Herr Heiniger nicht für Audiatur-Online, sondern für die jeweiligen Autoren der Texte» übersetzt.

Die Redaktion von Audiatur-online bittet mich, meine «Falschmeldungen» auf Infosperber zu berichtigen. Diesem Wunsch sei hiermit Folge geleistet.

Christian Müller

PS: Bei dieser Gelegenheit bitte ich den Stiftungsrat der Audiatur Stiftung, insbesondere den ehemaligen Grenchner Stadtpräsidenten und ehemaligen Nationalrat Boris Banga und meine ehemalige Kollegin im Haus Ringier Beatrice Tschanz, sich einmal die Quelle von 275 Artikeln auf Audiatur-online, das Gatestone Institute, genauer unter die Lupe und dabei zur Kenntnis zu nehmen, welchen Geist diese Plattform täglich verbreitet. Geert Wilders, einer der Gatestone-Autoren – «Europas einzige Hoffnung für eine bessere Zukunft» – lässt grüssen.

Christian Müller / Infosperber

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