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Pitaval 68: Der verhinderte Erfinder | Untergrund-Blättle

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Pitaval 68: Sammlung von historischen Strafrechtsfällen Der verhinderte Erfinder

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Am 6. August 1968 berichtet BILD über einen Mann, der am Vorabend fünf Kinder, die Gattin und sich selbst im nordhessischen Breitenbach (bei Kassel) hingerichtet hat.

Studentenrevolte 196768, WestBerlin.
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Bild: Studentenrevolte 1967/68, West-Berlin. / Stiftung Haus der Geschichte (CC BY-SA 2.0 cropped)

9. Mai 2018

9. Mai. 2018

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Mit diesem Verbrechen brachte es Kurt-Hermann Buschbeck, 43, im Ranking der „List of family slaughters“ auf den 155. Platz in der Welt – und zu einem ewigen Leben im virtuellen Universum.

Aus dem Abschiedsbrief, den er in seiner Aktentasche hinterliess, zitiert die Tageszeitung: „Ich schaffe es nicht mehr. Die Räumungsklage ist zu Ende. In Vietnam sterben so viele Menschen*. Da kommt es auf uns nicht mehr an. Die Gesellschaft versteht mich nicht.“

Die „ganze Gesellschaft“? Unter der machen es Verzweifelte, Spinner, Idealisten nicht? Als reichten ein Dorf, eine Strasse, eine Familie, ein Partner nicht aus, um jemanden nicht zu verstehen, der nicht verstanden werden will oder der sich selbst überschätzt und sich nicht mitteilen kann und will?** Das Rathaus der Gemeinde Schauenberg im Ortsteil Breitenbach ist ein Neubau aus dem Jahre 2002. Es liegt in L-Form, rechtwinklig geknickt in einem längeren und in einem kürzeren Schenkel grosszügig und einladend da. Auf dem mit kleinkalibrigen Steinen gepflasterten Vorplatz steht eine Plastik-Szene: Ein Junge und ein Mädchen fliehen vor jemandem, der sie verfolgt, aber von einem stachligen Gebilde ausgebremst wird.

Robert Siebert ist in Breitenbach aufgewachsen, immer geblieben und arbeitet im Ordnungsamt. Er war als zwanzigjähriger Bursche und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in der Nacht dabei, als sie den Dachstuhl des Hauses in der Korbacher Strasse 32 löschten und die Toten fanden.

Einer der Toten, die sie in Särgen aus dem Haus trugen, war ein Schulkamerad von Robert. Auch an ihn, den Wolfgang, den zweitältesten Sohn in der Familie, erinnert nichts mehr. Die Grabstelle auf dem Friedhof ist aufgegeben, Gras ist über die Stelle und die Geschichte gewachsen; Herr Siebert erzählt auf dem Weg zur Rasenstelle, dass seiner Erinnerung nach der Vater, Gatte, Mörder und Selbstmörder vom Pfarrer nicht zusammen mit der Familie begraben wurde.

Das Haus in der Korbacher Strasse, hat keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem Haus auf dem Foto in der „Kasseler Zeitung“, die am 6. August 1968 ausführlich über die Tat-Nacht berichtet. Weder Fachwerk noch Schindeln – es hat den sterilen Bunker-Charme der Siebziger oder der Achtziger Jahre wie so viele sanierte Häuser in westdeutschen Dörfern. Die Familie Buschbeck waren Zugezogene. Die Ehefrau Irmgard engagierte sich in der Kirche und galt im Dorf als „stille, schlichte, treu für ihre Kinder sorgende Mutter“. Die Kinder seien sehr gut erzogen „und trotz aller Geldschwierigkeiten stets adrett angezogen gewesen“. Ehemann Kurt-Hermann war anders. Er soll auch durchs Dorf gezogen sein und eine grosse Lippe riskiert haben. Einem Rentner zeigte er Hunderter, die er in der Brieftasche hatte, und eine Flasche Schnaps steckte Buschbeck ihm auch noch zu. Dabei wusste man im grossen Dorf-Irgendwie-und-Irgendwas, dass er, der Ernährer der Familie, in finanziellen Schwierigkeiten steckte; wen täuschen ein paar Hunderter da, Geld kommt und geht.

Robert Siebert, der sich auch ein wenig als Ortschronist versteht, weiss noch, wie die Leute den Familienvater sahen. Ein Eigenbrötler, ein Sonderling, ein Spinner, der in der Scheune neben dem Haus an Dingen baute, die er gross verkaufen wollte. Seinen Abschiedsbrief wird er mit „Erfinder-Schicksal“ unterschreiben; woran er tüftelte und bastelte, wusste niemand so recht. Es musste etwas mit Waschanlagen zu tun gehabt haben. Denn Kurt-Hermann Buschbeck trat auch als Vertreter von „Europa“-Duschkabinen auf.

Aus dem Abschiedsbrief: „Nachdem man mir durch den Konkurs meine sechs Patent- und Gebrauchsmuster und auch das Haus wegnehmen will, war meine ganze Arbeit umsonst. Jetzt werden andere viel verdienen. … So wie Diesel trotz seiner Erfindung bettelarm gemacht wurde, macht man es jetzt mit uns. … Wir haben nichts, die anderen bekommen alles.“ Mir gerät jener Willy Loman in Arthur Millers Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ in den Sinn. Buschbeck wollte wie Loman, sehr viel Geld verdienen, erfolgreich sein, einen hohen Lebensstandard für sich und die Familie erreichen und halten können. Wie Loman den American Way of Life lief, so wollte Buschbeck den deutschen Weg der Wirtschaftswunderjahre gehen?

Hiess es nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sei und aus einem Tellerwäscher durchaus ein Millionär werden könnte? Wie „wahnsinnig“ kann jemand werden, der auf diesen Wegen stolpert, stürzt; dem es nicht mal mehr gelingt, seinen Ehrgeiz mit den Realitäten abzugleichen? Wie „wahnsinnig“ ist jemand, der seinen Ausweg nicht nur im Alkohol, sondern im Ausmerzen seiner Familie sucht?

„Wen Gott lieb hat, lässt er früher sterben“, schreibt der Mann; wer sich selber und sein Schicksal abgrundtief hasst und nicht begreift, sollte lieber die Seinen in Ruhe lassen und nicht Gott, Vietnam, die ganze Gesellschaft, die miese Geschäftslage aufrufen und schuldig machen und meinen, er müsse nicht nur sich, sondern auch seine Familie erlösen, indem er sie tötet und sich selbst aus der Verantwortung des Lebens stiehlt.

Im Jahre 2002 recherchierte ich den Fall eines „erweiterten Selbstmordes“ in Nordhessen. Ein Vater hatte seine drei Kinder getötet, anschliessend sich selbst. Eine akkurate Tat, penibel durchgeführt (Schlaftabletten in Apfelsaft, dann Plastiktüten über die Köpfe; Buschbeck mischte Schlaftabletten in die Rote Grütze, dann Axt und Hammer), ruhig-logisch für ihn. Für den Mann lag die Schuld bei der untreuen Ehefrau, und die Kinder sollten mit ihm zu Gott gehen und geschützt werden vor einem Leben mit der unmoralischen Mutter. Herrgott noch mal, möchte ich schreien, warum die Kinder, warum die Kinder? Welch verqueres, selbstherrliches, diktatorisch-kranke Verständnis von irgendeiner Art Gesamtverantwortung „für die Familie“*

Akkurat, penibel, in der eigenen schwarzen Logik: Buschbecks Abschiedsbrief steckte in einer Aktentasche, die er in seinem Kombi hinterliess. Ein Zettel darauf: „Diese Aktentasche nur an einen Zeitungsreporter geben.“

Zum Inhalt gehörte ein Aktendeckel mit Prospektmaterial; zu Werbezwecken hatte der Vater auch Fotos einer seiner Töchter angefertigt. Im beiliegenden Brief heisst es: „Ich habe es satt, bei Vorgesetzten immer buckeln zu müssen. Ich will mein eigener Herr sein.“

Drei Tage nach der Meldung der Buschbeck-Tat zitiert BILD eine Umfrage zum sozialen Klima in der Gesellschaft. Es gäbe keine Freunde mehr, klagen 61 Prozent der Bevölkerung. „Unsere hektische Zeit und das immer unpersönlicher werdende Betriebsklima verdrängen die Freundschaft. Geblieben sind nur Scheinfreundschaften, Zweckfreundschaften nach dem Motto: Wer kann mir am besten dabei helfen, beruflich vorwärtszukommen.“ Jeder habe Angst, sich eine Blösse zu geben, die der andere ausnützen könnte. Und ein Dr. Becker vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main attestiert „ein zunehmendes Gefühl von Einsamkeit.“*

Die Plastik vor dem Rathaus der Gemeinde Schauenburg stellt die finale Szene des kurzen Märchens „Die Wassernixe“ aus der Sammlung der Gebrüder Grimm dar. Ein Mädchen und ein Junge, die in die Gefangenschaft einer Nixe geraten waren, fliehen vor ihr. Um die Verfolgerin aufzuhalten werfen sie u. a. eine Bürste hinter sich, eine Bürste, aus der die Borsten schiessen und zu einer unüberwindbaren Bürsten-Hecke werden. Das ist mir mal eine Erfindung **! Etwas hinter sich zu werfen, um es ein für alle Mal hinter sich zu lassen, etwas zwischen sich und eine drängende, drohende Gegenwart zu bringen, etwas zwischen die eigenen Ambitionen und die bedrängenden und schier übermächtigen Selbstzweifel. …

War es das, woran Kurt-Hermann Buschbeck in seiner Scheune tüftelte? Oder war es doch nur eine selbsttrocknende Wanne, ein vorgeheizte Duschkabine, ein vollautomatischer Wasser-Knopf und die Zeiten waren noch nicht reif für seinen Weg vom Duschkabinenvertreter und -bauer zum Millionär?

Eckhard Mieder

*Am Tag nach der Nacht des Buschbeck-Verbrechens, 6. August 1968, wird gemeldet: Nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in West-Berlin ist eine gegen den Krieg gerichtete grundsätzliche politische Überzeugung als die im Grundgesetz geforderte Gewissensentscheidung anzuerkennen. Danach war Wehrpflichtigen aus politischen Gründen die Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe möglich. Eine Entscheidung, die auch im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg stand?

**Weitreichende Erfindungen des Jahres 1968: der Jumbo-Jet von Boeing (Jungfernflug 1969); es dauerte bis 2005, dass der Airbus 380 dem Jumbo-Jet den Rang als weltweit grösste Passagiermaschine ablief. – Der Deutsch-Amerikaner Ralph Baer erfindet die Spielkonsole „Brown Box. – Das japanische Unternehmen OKI erfindet den Nadeldrucker, der später weitgehend von Tintenstrahl- und Laserdruckern abgelöst wird. – Der Computertomograph, von den späteren Nobel-Preisträgern für Medizin Allan Cormack und Godfrey Housnfield, wird zu einem Meilenstein in der Medizin-Geschichte; mit der Computertomographie können nicht nur Knochen, sondern auch Weichteile des Körpers trennscharf dargestellt werden … Im Übrigen sind laut des Jahresberichtes des Europäischen Parlaments deutsche Unternehmen Europas Spitzenreiter in Sachen Patentanmeldungen. Insgesamt wurden 2017 rund 166.000 Patentanmeldungen eingereicht; rund jede dritte Patentanmeldung in Europa stammt von einem deutschen Unternehmen, die meisten aus den Technologie-Feldern Elektronische Maschinen, Geräte, Energie, Transport sowie Messtechnik. Es ist davon auszugehen, dass kaum eine Innovation von Bastlern in Garagen oder in Hobbykellern kam.

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