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Moderner Fischfang Fische und andere Tiere, die im Wasser leben

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Der Verzehr von Fischen wird uns von klein auf als eine Selbstverständlichkeit vorgelebt und präsentiert.

Krabben und Grundschleppnetzfischerboot im Hafen von Halifax, Kanada.
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Bild: Krabben- und Grundschleppnetzfischerboot im Hafen von Halifax, Kanada. / Wladyslaw (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

14. Oktober 2012

14. Okt. 2012

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Fische wären, so heisst es, ebenso wie z.B. Rinder und Hühner zu unserer freien Verfügung da; nicht zuletzt, um uns als Speise – als sog. Speisefisch – zu dienen. Zur Rechtfertigung dieser aneignenden Haltung gegenüber Tieren, die nicht zur Spezies Mensch gezählt werden, reicht vielen Menschen der Verweis auf eine sogenannte Gottgegebenheit, während andere sich dafür z.B. auf eine „Andersartigkeit der Tiere“ beziehen.

Doch wie sehr ein nichtmenschliches Tier sich auch von einem Menschen unterscheiden mag, so gleichen wir uns darin, dass unser Leben für uns selbst in all seinen Dimensionen, wie z.B. Freude, Leid, Schmerz, Wohlergehen und Geselligkeit von Bedeutung ist und das ungeachtet von Nützlichkeitserwägungen anderer. Wir alle sind Individuen.

In den Statistiken der „Fischindustrie“ kommt der einzelne Fisch als Individuum nicht mehr vor. Die Anzahl der ermordeten Fische wird im Waren-Mass Tonnen angegeben. So werden weltweit jedes Jahr offiziell etwa 140 Millionen Tonnen Fische gefangen und getötet. In Deutschland sind es etwa 1 Million Tonnen. Wie absurd diese Zahlenspiele sind, zeigt, dass es sich bei einer Million Tonnen Fische um ca. 200 Millionen Individuen handelt. Das Leid eines jeden einzelnen verschweigt die Statistik.

Der verzweifelte Überlebenskampf eines – ob per Netz, per Haken oder per Hand – aus dem Wasser gezogenen Fisches, das Winden und Krümmen, das um-Atem-Ringen dieses Individuums und nicht zuletzt der gewaltsame Tod ist zwangsläufiger Teil des sogenannten Produktes „Fisch“. Ein Grossteil der Opfer der „Fischindustrie“ – rund ¾ der verspeisten Fische – wird aus den Weiten der Meere herausgezogen, wobei Fischschwärme heute oft mit elektronischen Hilfsmitteln aufgespürt werden. Einige Menschen zeigen sich besorgt bzgl. der „Überfischung“ der Meere. Ihre Sorge gilt jedoch nicht den Fischen als Individuen, sondern sie fürchten einen Kollaps des Ökosystems und der „Ressource (Speise)Fisch“.

Um die Fische an Bord zu zerren, werden Netze oder sog. Langleinen mit bis zu 30.000 Haken benutzt. Jede Fangart ist für die gefangenen Individuen mit Leid verbunden, ihnen wird ihre Freiheit entzogen, eine Erfahrung, die mit dem Begriff Stress verharmlost werden kann. Bei den Schleppnetzen – die für die „Fischindustrie“ am bedeutsamsten sind – ist es so, dass alle Fische in das geschlossene Ende des Netzes gezwungen werden, welches von einem oder mehreren Schiffen gezogen wird, so dass die Fische Verletzungen erleiden, indem sie sich z.B. ihre Schuppen an ihren Mitgefangenen abschaben.

Bei Stellnetzen bleiben die Fische, die nicht kleiner als die Maschen sind, in den nahezu unsichtbaren Nylonnetzen hängen. Sie können weder durch die Maschen hindurch, noch können sie rückwärts entkommen, da sie mit Kiemen und Flossen am Netz hängenbleiben. Beim Versuch sich zu befreien fügen sich viele Verletzungen zu, an denen sie verbluten können. Werden die Fische aus dem Wasser gezogen, fangen sie langsam an zu ersticken, da ihre Kiemen lediglich den in Wasser gebundenen Sauerstoff aufnehmen können. Werden sie dabei aus einer grossen Tiefe herausgezerrt, so sind sie einem solch starken Unterdruck ausgesetzt, dass ihre Schwimmblase zerplatzen kann, Magen und Speiseröhre aus dem Mund herausstossen oder auch die Augen hervorquellen können. Dermassen verstümmelt „zappeln“ die Überlebenden dieser Tortur mit letzten Kräften, nach Atem ringend, teilweise minutenlang an Bord des Schiffes weiter. Sie ersticken, sterben an dem Schock, dem sie ausgesetzt werden oder aber werden unter der Last anderer Opfer zerquetscht. Kleinere Fische werden auch dadurch umgebracht, dass sie auf Eis geworfen werden; grössere, indem ihnen Hals und Bauch aufgeschlitzt werden.

Die sog. „Fischzucht“ nimmt eine immer bedeutendere Rolle innerhalb der „Fischindustrie“ ein, so dass heute fast ¼ der verspeisten Fische hier her stammen. In vielen ?Aquagefängnissen? werden die Fische nicht minder intensiv gehalten, als dies von der sonstigen „Massentierhaltung“ bekannt ist. Dass Fische ganz oder (wie z.B. Forellen) zeitweise in Schwärmen leben, bedeutet nicht, dass Haltung ihnen nichts ausmacht. Denn auch für einen gehaltenen Schwarm ist das Gewässer durch Käfiggitter oder Beckenmauern begrenzt. Zudem verbringen sie ihr gesamtes Leben in bedrückender Enge und das Wasser ist durch die unvorstellbare Zahl von Fischen verseucht durch deren Exkremente. Antibiotika werden in der industriellen Fischzucht, wie auch in der restlichen Massentierhaltung, routinemässig eingesetzt. Da auch sogenannte Zuchtfische unvorstellbaren Quälereien ausgesetzt sind, gilt auch für sie: Sie springen nicht freiwillig auf den Teller eines Menschen, sondern werden brutal getötet.

Wenn es darum geht, die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere zu rechtfertigen bzw. ein „gutes Gewissen“ beim Verzehr ihrer Körper zu haben, zeigt sich, zu welchen Phantasmen Menschen fähig und willens sind. Zwar findet die lebensverachtende Ansicht, dass nichtmenschliche Tiere keine Schmerzen empfinden können, in ihrer Pauschalität heutzutage keine grosse Fangemeinde mehr, der Mythos aber, dass Fische und andere sogenannte „niedere Tiere“ wie z.B. Krebse und Insekten keine Schmerzen empfinden, besteht jedoch fort.

Fische sind uns in vielerlei Hinsicht fremd: Sie leben im Wasser, unterscheiden sich körperlich sehr von uns, kommunizieren miteinander auf eine uns still erscheinende Art. Dennoch ist es keinesfalls so, dass ihre Empfindungsfähigkeit erst in wissenschaftlichen Experimenten – inklusive der Gewaltmethode Tierversuch – bewiesen werden konnte bzw. könnte. Der Mythos ihrer (Schmerz)Unempfindsamkeit ist nicht auf diese „Fremdheit“ zurückzuführen, sondern auf die – nicht wissen wollende – Ignoranz. Auch wenn Fische so schreien würden, dass es für Menschen hörbar wäre, würden sie ebenso wie auch Schweine und Rinder umgebracht werden.

Dass Fische aber eben nicht schreien, bewegt Menschen sogar dazu, Jugendliche und Kinder in sogenannten Angelsportvereinen zu mobilisieren. Menschen wird damit ansozialisiert, dass Fische keine Schmerzen empfänden und Lebensmittel oder Sportinstrumente seien. Auch wenn es fast allen anderen Tieren in einer speziesistischen Gesellschaft nicht besser ergeht als Fischen, würde doch niemand auf die Idee kommen, Schweinschlacht- oder Kälbchentötvereine zu gründen. Bei den klassischen „Kuschelhaustieren“ äussert sich diese Wahrnehmungsdiskrepanz bezüglich Fischen und anderen Tieren noch deutlicher. So würde sicher niemand Kinder- und Jugendliche offiziell für Vereine anwerben, in denen Hunde oder Katzen gefangen und erschlagen würden. Bei Urlaubsfotos vom Meer oder in Zeitungsberichten von „Angelwettbewerben“ werden erschlagene Fische jedoch stolz als Trophäen präsentiert.

Manch ein_e Tierfreund_in mag darauf achten, „delfin-freundlichen Thunfisch“ zu essen, aber dass dieser mit dem Tod von mindestens einem Thunfisch erkauft ist, also thunfischfeindlich ist, ist anscheinend egal. Das Label „delfin-freundlich“ ist ein Werbetrick der Tierausbeutungsindustrie und soll Konsument_innen die Möglichkeit geben, sich ein gutes Gewissen zu erkaufen, indem statt Delfine eben Thunfische getötet werden. Eine weitere sprachliche Verschleierung ist der Begriff „Fischfang“. Dieser ist im Grunde genommen verharmlosend, denn es geht nicht um eine Art von Fangspielen, es geht darum, dass das Fangen von Fischen mit ihrer Tötung einhergeht. Zudem verbringen Hunderttausende sog. Zuchtfische ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft. Auch die sprachliche Bezeichnung „Fisch“ als solche beinhaltet an sich schon den Speziesismus unserer Gesellschaft.

Der Begriff „Fisch“ bezeichnet nämlich ein „Lebensmittel“ und keine Individuen. Gleiches gilt für Bezeichnungen wie „Meeresfrüchte“. Dabei handelt es sich bei Tintenfischen, Hummern, Garnelen oder Muscheln nicht um Früchte, die auf Bäumen wachsen, sondern um empfindsame Lebewesen. Die Bezeichnung Meeresfrüchte erleichtert nur deren Ausbeutung und liest sich für die Konsument_innen auf Restaurantspeisekarte einfach schöner. Dass der Todeskampf eines Hummers, der lebend in kochendes Wasser geworfen wird, bis zu vier Minuten andauern kann und dass Garnelen „ihre“ rote Farbe nur dadurch erhalten, weil auch sie lebendig gekocht werden, verschweigt der Begriff Meeresfrüchte.

Hummer beispielsweise sind Einzelgänger und können so alt werden wie Elefanten. Wenn sie nicht lebendig gekocht werden, wird ihr Panzer mit Messern durchstochen oder sie werden lebendig tiefgefroren. Gleiches gilt für Tintenfische, auch sie werden teils noch lebend frittiert oder sogar komplett lebendig verspeist. Egal, wie es die Tierausbeutungsindustrie dreht oder wendet, Hummer und andere Meerestiere sind keine Früchte, sondern fühlende, schmerzempfindsame Wesen.

Und immer noch gibt es Menschen, die sich als Vegetarier_innen bezeichnen, obwohl sie ermordete Fische essen. Aber nicht nur bei ihnen gelten Fische nicht als „richtige Tiere“. In unserer „tierlieben“ Gesellschaft ist es Konsens, dass mensch „Tiere human behandeln“ und sie vor „unnötigem Schmerz und Leid“ bewahren soll. Und so wie z.B. die Körperteile ermordeter Hühner, Kühe und Schweine mit gutem Gewissen gegessen werden, wenn sie denn nur „human“ geschlachtet wurden, sollen auch Heringe, Forellen, Lachse oder Sardinen mit einem solch guten Gewissen verspeist werden. Viele Menschen erreichen dies, indem sie die Empfindungen der Fische als nichtexistent, nichtbewiesen oder „nicht mit anderen Tieren vergleichbar“ abtun. Andere Fischesser_innen behaupten, dass ihre Essensopfer frei gelebt hätten, um ihr Gewissen zu beruhigen. Einige Tierschützer_innen setzen sich für „Bio-Fisch“ oder „fairen Fisch“ ein, als ob Mord jemals eine faire Angelegenheit sein könnte. Deshalb ist diese Art des Tierschutzes auch kein Mittel, um die Ausbeutung und den Mord nichtmenschlicher Tiere zu verhindern. Fische, Hummer, Muscheln oder Garnelen sind Opfer des „Appetits“, des „Geschmacks“, der „gesunden Ernährung“, des „so ist es nun mal schon immer gewesen“ und anderer Rechtfertigungsmechanismen von Menschen, die nichtmenschliche Tiere nur als Ware im Dienste der Menschheit sehen.

Als „saftiges Steak“, als „Schlachttier“, als „Milchlieferantin“, als „Nutztier“, als „Liebling“ oder „bester Freund“: So unterschiedlich wie Menschen auch über die Behandlung von nichtmenschlichen Tiere denken mögen, sind sich die meisten in einem einig: „Tiere sind für uns da!“. Diese Aussage ist ein Kernsatz der speziesistischen Ideologie, nach der Menschen das Recht dazu hätten, über die anderen Tiere zu herrschen. Der mörderische Blick auf nichtmenschliche Tiere als Nahrung oder Kleidung hat nichts mit ihnen als Individuen zu tun, sondern mit den Kategorien, die Menschen ihnen zuteilen. Die Begriffe „Fleisch“, „Geflügel“ und eben auch „Fisch“ entindividualisieren Lebewesen und degradieren sie zur Ware. Deshalb sind die genannten Begrifflichkeiten nichts als ein Ausdruck von Macht über andere fühlende Wesen.

Vegan zu leben ist eine Grundbedingung dafür, mit dieser Macht zu brechen und nichtmenschlichen Tieren als Individuen zu begegnen und sie auch als solche zu respektieren.

RALF

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