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Gesellschaft

Der dreifache Frieden Ethik als Strategie

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Tu, was du willst, aber bedenke die Folgen. Damit die Taten für andere wie für dich vertretbare Folgen haben, lohnt es sich, etwas Philosophie zu betreiben, in diesem Falle Ethik.

Street Art aus Ravensburg.
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Bild: Street Art aus Ravensburg. / Andreas Praefcke (PD)

17. März 2007

17.03.2007

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Grundbedingungen

Ich will einen Ansatz vorstellen, der Ethik als Strategie betrachtet. Damit sich eine Ethik gesamtgesellschaftlich durchsetzen kann, muss sie folgende Mindestbedingungen erfüllen:

  • Produktivität: Sie hat das Potential, sich von einer kleinen Population her auszubreiten.
  • Stabilität: Sie ist, wenn ein mal etabliert, relativ (oder absolut) stabil gegenüber alternativen Strategien.
  • Universalität: Sie ist auch dann stabil, wenn alle sie anwenden.
Da jeder Mensch sich seine eigene Ethik machen muss, wird sich nie eine einzige Ethik durchsetzen, sondern allenfalls ein Pool vergleichbarer Ethiken.

Aber es ist nicht anders als mit einer biologischen Art -- eine biologische Art überlebt als Ganzes, obwohl jedes Einzelwesen der Art genetisch einmalig ist.

Wenn ich aber diese Vorbedingungen kenne, kann ich mir überlegen: Was will ich? (Bedürfnis-Optimalität)

Und dann: Wie kann ich eine Ethik daraus machen, die die übrigen Kriterien erfüllt?

Es zeichnet sich also ab:

  • Jeder Mensch will ein gutes (angenehmes) Leben führen.
  • Daher hat jeder Mensch ein Interesse daran, frei zu sein und fair (ethisch) behandelt zu werden.
  • Daher hat jeder reflektierende Mensch ein Interesse daran, fair (ethisch) zu handeln, um fair behandelt zu werden.
  • Ein Mensch in einer übermächtigen Position kann sich allerdings der Fairness entziehen und (letztendlich biologische) Vorteile daraus ziehen.
  • Ein Mensch in einer schwachen Position hat daher ein Interesse daran, zu vermeiden, dass andere übermächtige Positionen besetzen.

Jeder Mensch wird, je nach seiner Lebenssituation und Reflektiertheit, über das, was er will, eine andere Antwort finden.

Eine begünstigte Minderheit wird natürlicherweise den Status Quo bevorzugen, sofern sie die Form ihrer Begünstigung als ihren Bedürfnissen und Vorstellungen gemäss akzeptiert. Ein Teil dieser Minderheit wird die Situation unreflektiert akzeptieren und spielt die Rolle eines natürlichen Reproduzenten des Elite-Weltbildes.

Die Reflektierenden innerhalb der Elite, die die Gesamtsituation als wünschenswert anerkannt haben, werden eine eher aktive Rolle spielen, und fleissig für Propaganda sorgen.

Die Reflektierenden innerhalb dieser Oberschicht, die ihre Situation nicht akzeptieren und etwas verändern wollen, sind dagegen seltener und weniger einflussreich; insbesondere aber haben sie zu verlieren, was bestechlich/ erpressbar macht.

Dann existiert eine befriedigte Mittelschicht, die vom Status Quo nicht unmittelbar profitiert, aber beim aktiven Kampf gegen den Status Quo zu verlieren hätte.

Die Lebenssituation dieser Mittelschicht erscheint insgesamt annehmbar, daher gibt es hier ähnliche Rollen wie in der Oberschicht. Die Reflektierenden der Mittelschicht erkennen jedoch, dass der "Weg nach oben" nicht für alle Angehörigen ihrer Schicht eine gangbare Lösung ist und dass alternative Gesellschaften denkbar sind, in denen die Lebenssituation aller potentiell besser als die der Mittelschicht ist.

Die Unterschicht dagegen hat wenig zu verlieren und erlebt eine geringe Lebensqualität und hat daher klar anders definierte Interessen als die Oberschicht. Da der Weg nach oben nur einer verschwindenden Minderheit offensteht, ist das Hauptinteresse für reflektierende Angehörige dieser Schicht von vorn herein: andere gesellschaftliche Verhältnisse.

Der dreifache Frieden

Hätten wir also in Mittel- und Unterschicht einen hohen Reflexionsgrad (sprich: hohen Aufklärungsstand) erreicht, wären gesellschaftliche Veränderungen sehr wahrscheinlich -- zumindest, wenn die Reflexionen mit einbeziehen, dass dafür eine auch eine geeignete Kommunikationsstruktur nötig ist, etwa in Form von Syndikaten, Räten und Föderationen, oder modern-technologisch, mit Internet-Foren u.ä.

Die Oberschicht hat also ein Interesse daran, die Reflexionen der Mittel- und Unterschicht zu verhindern, durch:

  • "Brot" -- heutzutage: Sozialhilfe, so dass die Probleme nie allzu akut werden

  • "Spiele" -- heutzutage: Fernsehen, so dass der Geist abgelenkt ist. Varianten: Drogen, insbes. Alkohol

  • "divide et impera" (lateinisch für "Teilen und Herrschen") -- z.B. Androhung von Sozialhilfe-Entzug, generelle Kriminalisierung durch Gesetzes-Flut, moralische Ächtung etc., künstliche Unterscheidungen (z.B. Nationalitäten), teilweise auch Desinformation (Diskreditierung)

  • Desinformation -- verzerrte Darstellung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, Diskreditierung der Unterschicht
  • Konditionierung -- z.B. die schulische Erfahrung, dass Denken ermüdet und die Welt wahnsinnig kompliziert ist; ablenken auf weniger relevante Lerninhalte (z.B. Jahresdaten von Kriegen, Hauptstädte von Ländern, Gedichte) (die nebenbei der sozialen Selektion (="divide et impera") dienen), Einüben gesellschaftlich stabilisierender Denkmuster etc.
"Brot und Spiele" haben u.a. die Funktion der Ruhigstellung. Desinformation und Konditionierung entfernen das Denken von der Reflektiertheit. Sie zusammen sorgen für die Verdumpfung der Unterschicht. Desinformation wird gelegentlich auch eingesetzt, um reflektierende Widerständler als "dumpfe Masse" zu diskreditieren.

"Teilen und Herrschen" fungiert als der aktive Part der Unterdrückung: Wer der Verdumpfung widerstehen konnte, wird nun durch andere Druckmittel zum Stillhalten gezwungen.

Auf diese Weise existiert ein "dreifacher Frieden" in unserer Gesellschaft;

  • eine begünstigte Oberschicht
  • eine befriedigte Mittelschicht
  • eine befriedete Unterschicht

Die Abgrenzung zwischen Mittel- und Oberschicht geschieht dabei z.B. nach ökonomischen Gesichtspunkten: die "relative Oberschicht" besteht aus denjenigen Menschen, die überdurchschnittlich begütert sind, denn sie sind materielle Nivellierungs-Verlierer -- in Deutschland z.Z. etwa ein Drittel der Bevölkerung.

Die "absolute Oberschicht" besteht noch mal aus wesentlich weniger Personen, da grosse Teile der relativen Oberschicht ihren materiellen Wohlstand nur unter hohem Aufwand aufrechterhalten können:

Am Endpunkt einer gelungenen Entwicklung wird sowohl der Gesamtwohlstand mehr als auch der Erhaltungsaufwand für einen durchschnittlichen Wohlstand wesentlich geringer sein. Der absoluten Oberschicht gehören insbesondere Personen an, die allein vom Verleihen (Zinsen, Pacht) leben könn(t)en.

Die Abgrenzung zwischen Mittel- und Unterschicht liesse sich daran festmachen, ob es den Schichtangehörigen gelingt, Rücklagen zu bilden, oder ob die unmittelbaren Bedürfnisse zur völligen Aufzehrung des Lebensunterhaltes führen.

Konstruktive Störung des dreifachen Friedens

Aufgabe der Aufklärung ist nun also, diesen dreifachen Frieden konstruktiv zu stören.

Hauptangriffspunkte müssen dabei m.E. sowohl Mittel- als auch Unterschicht sein, die am Endpunkt einer gelungenen Entwicklung unmittelbar gewinnen können. Besonderes Hindernis dabei sind die Befriedungsmassnahmen, die zur Ruhigstellung der Unter- und Mittelschicht eingesetz werden und u.a. auch von Teilen der Mittel- und Unterschicht ausgeführt werden, teils aus ökonomischem Zwang, teils aus mangelnder Reflektiertheit.

Die Befriedungsmassnahmen sind also zu untersuchen:

  • Brot: zusätzliche Unterstützung zu haben, kann nicht schaden. Daher ist die staatliche Unterstützung nicht zu vernachlässigen -- allerdings muss man sich der Bestechlichkeit bewusst sein.
  • Spiele (Fernsehen, Drogen etc.): Menschen wollen Vielfalt erfahren. Die leichte Konsumierbarkeit der "Spiele" lenkt daher von aktiv erfahrener Befriedigung ab. Dies ist eines der schwereren Hindernisse, könnte allerdings durch Kultur-Treffpunkte angegangen werden (z.B. Jugendhaus-Arbeit)
  • Teile und Herrsche: das härteste Hindernis, denn Menschen lassen sich nicht gerne in ihren Grundbedürfnissen bedrohen. Hier können Synergien (gemeinsam genutzte Gebrauchsgüter) und Partnerschaften Milderung verschaffen -- die Antwort darauf heisst Solidarität.
  • Desinformation: Abhilfe könnte eine dezentral- föderale, nicht-kommerzielle Medienstruktur schaffen; wg. "Teile und Herrsche" müssen die Kommunikationswege aber auch im Verborgenenen, sprich: verschlüsselt, stattfinden können. In einer solchen Medienstruktur werden eher Informationen verbreitet, die die Leute für wichtig halten, statt Informationen, die sie für besonders gut verkäuflich halten.
  • Konditionierung: Ideal wäre der Aufbau eigener Schulen, die anstelle der staatlichen Schulen agieren. Ein guter Anfang wäre allerdings schon, die Kultur-Treffs zur geistigen "Entgiftung" einzusetzen.

Sowie diese Angriffspunkte bekannt sind, kann die eigentliche Aufklärung ansetzen, folgende Fragen zu stellen:

  • Was willst du?
  • Was liegt deinen Wünschen zugrunde?
  • Was wollen andere?
  • Wie kannst du deine (essentiellen) Ziele erreichen?
  • Welche Grenzen sind dabei zu berücksichtigen?
Ein Aufklärer muss sich dabei bewusst sein, dass er niemanden aufklären kann -- das können die Menschen nur sich selbst. Wir können nur Aufklärung begleiten. Die Antworten auf diese Fragen sind durch meine ersten beiden Auflistungen in diesem Artikel schon grob umrissen.

Ebenfalls wichtig ist, sich die Fiktionen klar zu machen, die uns beim Denken oft im Weg stehen, und zu erkennen, dass Staat, Gesetz, Geld, Eigentum, Landesgrenzen etc. nur deswegen existieren und funktionieren, weil wir sie anerkennen.

Veränderung ist machbar: Ein (realistisches?) Szenario

Im Falle eines hohen Aufklärungsstandes innerhalb der Gesamtbevölkerung ist etwa folgendes Szenario realistisch:

Teile der Oberschicht werden ihren Wohlstand als relativ betrachten, da sie begreifen, dass es nicht die Dinge sind, die glücklich machen.

Andere Teile der Oberschicht werden allerdings Widerstand gegen die anstehenden Veränderungen aufbringen wollen.

Grössere Teile der Mittelschicht und der grösste Teil der Unterschicht wird eine Nivellierung der ökonomischen Verhältnisse ("Gleichheit") anstreben, unter Beibehaltung oder Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten ("Freiheit") und Verhinderung der Macht-Konzentrationen (auch "Freiheit", Anarchie, Abschaffung aller Privilegien).

Der aufwendigere Teil am Ende der gesellschaftlichen Transformation ist die Aufrechterhaltung von Aufklärung und Solidarität, da sie zusätzliche Arbeit bedeuten; diese Mehrarbeit rechtfertigt sich jedoch vor dem Hintergrund, dass sie opportunistisches Verhalten (Konzentration von Macht und Wohlstand unter geringem Arbeitseinsatz) verhindern. Aufklärung und Solidarität stehen aber auch am Anfang der Entwicklung.

Mittel- und Unterschicht werden nun geeignete Kommunikationsformen aufbauen und Kooperationseffekte nutzen, um noch vor der Transformation der Verhältnisse eine reale Verbesserung zu erreichen.

Die so gewonnenen Freiräume können dann Schritt für Schritt ausgedehnt werden. Wenn die Fiktionalität der bisherigen Verhältnisse allgemein klar ist und die Bündnisse innerhalb der Bevölkerung abgesichert sind, können sowohl untergrund-förmige Aktionen (konstruktive Subversion) als auch offener Widerstand gegen die bisherigen Verhältnisse greifen.

Ein anderes Mittel ist der Aufbau alternativer gesellschaftlicher Strukturen im Rahmen der alten Verhältnisse. Wenn diese stabil zu funktionieren beginnen, können sie nach und nach die alten Wirtschaftsstrukturen verdrängen -- vorausgesetzt, sie sind gegen opportunistisches Verhalten abgesichert. Sie dienen auch dem Zwecke, als positives Beispiel zu fungieren, um noch mehr Anhänger zu gewinnen.

Zu guter Letzt ist das bestehende System so weit verdrängt, dass es beginnt, bedeutungslos zu werden, wie einst in der Ukraine unter der Machno-Bewegung. Auf diese Weise ist es prinzipiell möglich, ein opportunistisches System mit seinen menschenverachtenden Momenten durch ein bedürfnisgemässeres System zu ersetzen.

Schlussbetrachtungen

Dennoch ist der Weg nicht ohne Hindernisse. Vor 5.000 Jahren etwa waren solche Gedanken noch nicht nötig (und dementsprechend auch noch nicht reif), dann aber wurde zunehmende Monopolisierung von Infrastruktur, Produktionsmitteln, Wehrtechnik und Informationen möglich, die nach und nach zur Verarmung und Unterdrückung von Bevölkerungsteilen führte, während andere ihre Hochkulturen feierten.

In der heutigen Zeit schafft die Automatisierung nicht unbedingt mehr Wohlstand -- aber unter kapitalistischen Produktionsbedingungen immer mehr Arme. Die wirtschaftliche Monopolisierung der heutigen Zeit hat also ihren Gipfel noch nicht erreicht.

Ihr Gegengift ist die Aufklärung: Wissen in den Händen weniger ist Macht -- in den Händen vieler ist es Freiheit. Dazu ist aber ein Medium notwendig, das eine einfache und billige Verbreitung von Informationen ermöglicht. Nach dem Buchdruck bieten die weltweiten Kommunikationsnetze von heute gute Voraussetzungen, die dazu nötige Kommunikation voranzutreiben.

Dabei ist darauf zu achten, dass die Kontrolle über die Kommunikation nicht, wie im Falle des Rundfunks, wieder in die Hände von Monopolisten zurückfällt. Daher sind Verbindungs- und Kommunikationsformen notwendig, die eine dezentrale, unzensierte und nicht einseitig abhörbare Kommunikation möglich machen.

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