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Slavoj Žižek als Retter der Frauen? Sankt Žižek rettet „den Sex“

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#metoo hat wieder deutlich gemacht, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt seitens Männern an Frauen* ist – und einen shitstorm der Entrüstung gegen die Kämpfenden hervorgerufen. Slavoj Žižek reiht sich ein und hat in erster Linie Angst um „den Sex“. Ein Verriss.

31. August 2018

31. Aug. 2018

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Für alle, die wie ich darauf schon länger gewartet haben: Slavoj Žižek’s pseudointellektuelle Version der BILD-Schlagzeile „Wird Hollywood jetzt keusch?“ ist endlich da. Enthielt sein erster Artikel zur #metoo-Debatte noch zum Teil positiven Bezug zur Bewegung, kehren sich in seinem neuesten Artikel, der eine aufgewärmte Version eines älteren ist, die reaktionären Seiten ganz offen hervor.

Die Grundlinie seines neuesten Artikels zur #metoo-Debatte mit dem unmissverständlichen Titel „Sign a contract before sex? Political correctness could destroy passion“ („Vor dem Sex einen Vertrag unterzeichnen? Politische Korrektheit könnte die Leidenschaft zerstören“) [1] lässt sich kurz zusammenfassen: Eher kann man sich das Ende von Sex vorstellen, als dass man sich das Ende patriarchaler und sexistischer Beziehungsweisen vorstellen kann. Im ersten Satz werden knapp die Anliegen der Betroffenen gewürdigt, der Rest des Artikels dreht sich im Prinzip nur noch mehr darum, den Betroffenen ihr Anliegen abzustreiten. Die Forderung nach positivem Konsens würde nämlich, so Žižek, in letzter Konsequenz zu einem Abtöten der Leidenschaft beim Sex führen.

Dabei ist doch die Ausgangslage unmissverständlich: Eine Bewegung um einen Hashtag macht (mal wieder) klar, wie extrem weit verbreitet sexuelle Belästigung und Gewalthandlungen seitens Männern an Frauen* sind. Die Frauen*, die sich an an der #metoo-Bewegung beteiligen, empowern sich dadurch und sagen dem Sexismus den Kampf an. Man kann nun an der Inklusivität dieser Bewegung oder auch an ihrer Effizienz einiges solidarisch kritisieren oder diskutieren. Das haben Feminist*innen auch vielerorts getan und damit durchaus die Debatten bereichert.

Was die dringend notwendigen Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt nun aber mit Sex- und Lustfeindlichkeit zu tun haben sollen, das kann bei bestem Willen nicht einleuchten. Dennoch ging sofort der projektionsüberladene Shitstorm los. Es reichte vom ‚Ja aber hier ist doch nicht so schlimm wie in (füge irgendein anderes Land deiner Wahl ein)‘ zu dem mittlerweile weit verbreiteten Klassiker gekränkter Männerehre: ‚Sollen wir vor jeder kleinsten Aktion einen schriftlichen Vertrag in dreifacher Ausfertigung abschliessen? Macht das nicht den unklaren, fluiden, leidenschaftlichen Sex kaputt?‘ Und schon ist die Diskussion wieder auf andere Bahnen gelenkt: Statt gegen systematische Belästigungen und Vergewaltigungen von Frauen* seitens Männern vorzugehen, sollen wir jetzt besser darüber diskutieren, ob irgendwelche Typen nun Angst haben vor schlechtem da lustfeindlichem Sex.

Der Hauptaggressor sind mal wieder nicht sexistische und patriarchale Verhältnisse respektive Typen, sondern - Frauen*, die ihre Stimmen gegen eben jene Verhältnisse respektive Typen erheben. Žižeks Artikel stellt die pseudointellektuelle Spitze dieser Verkehrung dar.

Der Topos des lust-, sex- und männerfeindlichen Feminismus ist so alt wie der Feminismus als explizite und eigenständige Bewegung selbst. Er ist eine Konstante patriarchaler Verhältnisse. Wie jede Herrschaftsideologie reagiert auch die patriarchale Ideologie reflexhaft auf die Herausforderung seiner Herrschaft: Sie schiebt den Nichtprivilegierten/Herausfordernden die Schuld zu und bezichtigt sie mittels pathischer, also krankhafter und den eigenen Ängsten und Verboten entspringender, Projektionen des Zerfalls und der Zerstörung der bestehenden „guten Verhältnisse“. Im betreffenden Fall wird den Frauen* eben vorgeworfen, sie würden durch schriftliche Verträge den Sex töten wollen. Das ist natürlich einigermassen grotesk, fordert doch niemand ernsthaft irgendwelche schriftlichen Verträge, sondern schlicht Respekt und Konsens ein. Aber schon diese ja eigentlich banale Selbstverständlichkeit scheint zu viel gefordert zu sein.

Mit Tausend relativierenden rhetorischen Fragen, die eine Scheinkomplexität vortäuschen, gibt Žižek in seinem Artikel zu verstehen, dass er sich darum nicht kümmern mag, weil sonst „die“ Lust stirbt. Žižek ist sich dabei auch nicht zu schade, sich als Retter der Frauen vor Beschämung aufzuspielen: Wäre es nicht eine „extreme Demütigung“ (O-Ton Žižek) für Frauen, wenn sich ein männlicher Partner noch im Bett selbst anders entschiede, nachdem die Frau selbst den Vertrag unterzeichnet habe? Damit soll wohl nahegelegt werden, dass es auch aus Perspektive der Frauen* nicht wünschenswert wäre, Konsens zu fordern. Weil dann würden eventuell auch Männer davon Gebrauch machen und auch mal Mittendrin „Nein“ sagen. Welch unvorstellbarer Horror!

Dabei ist die Sachlage einfach: Wer einer Frau* einfach so auf der Strasse zwischen die Beine oder sonst wo hin greift, oder auch einfach nur beim Flirten/Rummachen oder beim Sex ein Unbehagen auf der anderen Seite verspürt und dennoch einfach weitermacht oder den Sex erzwingt – der weiss mehrheitlich noch vor der Tat ganz klar, dass er sich über den Willen und die Würde der anderen Person hinwegsetzt und sich eben „nimmt“, was er möchte. Es gibt natürlich unterschiedliche Grade der Übergriffigkeit und des Bewusstseins darüber und selbstverständlich können sich Menschen auch ändern und so weiter und so fort. Aber im Grunde ist das keine allzu komplexe Tatsache, die pseudoelaborierter, pseudofreudianischer Verklärungen bedarf.

Wer solche verklärenden Finten in Bezug zur #metoo-Debatte vollzieht, der hat eben ein anderes Interesse. Der gibt nämlich, sofern es an Einsicht und kritischer Selbstreflexion ermangelt, zu verstehen: Ich bestimme, was Sex ist, ich bestimme auch, wie Unklarheit im Sex artikuliert und ausagiert wird. Nämlich durch Ausleben meiner „ungebremsten“ Lust ohne jede Kommunikation. Und basta. Alles andere wird dann diffamiert als „ein beispielhafter Fall einer narzisstischen Vorstellung von Subjektivität“ – so Žižek über die Forderung nach positivem Konsens – oder eben als Passions-Killer. Denn, so Žižek: „Ja, Sex ist durchkreuzt von Machtspielen, gewaltvollen Obszönitäten und so weiter, aber das Schwierige [!] ist, zuzugeben, dass dies dazugehört.“

Äusserst schwierig und so unglaublich tiefsinnig, in der Tat. Macht und Gewalt gehören halt einfach zum Sex. Warum versteht ihr political correcten Frauen* das einfach nicht? Žižek tut, wie so viele seiner weniger intellektuellen Geschlechtsgenossen [2], dabei ernsthaft so, als ob die Grenze zwischen Belästigung sowie Vergewaltigung einerseits und etwas härterem, „leidenschaftlicheren“ Sex andererseits nicht für jeden Menschen in jeder konkreten Situation mehr oder minder klar wahrnehmbar wäre und mystifiziert das mit irgendwelchen elaboriert klingenden Phrasen über „den Sex“. Deshalb versteigt sich Žižek in seinem Artikel auch folgerecht zu der zwar psychoanalytisch klingenden, aber gar nicht intellektuellen, sondern äusserst alltäglichen, vergewaltigungsrelativierenden These, dass Nein (des Egos unter dem „Druck des Superegos“) eben auch Ja (des Es) heissen kann. Ein Schlag ins Gesicht jeder kämpfenden Betroffenen. Nach ähnlicher Logik entscheiden tagtäglich Gerichte überall auf der Welt gegen kämpfende Frauen* und für die Vergewaltiger.

In der ganzen reaktionären Batterie an wüsten Projektionen fehlt es natürlich, wie originell, nicht an einer pseudomarxistischen Kritik von Konsens als Ausdruck kapitalistischer Marktfreiheit, die sich nämlich sowieso in ihr Gegenteil, die Sklaverei, verkehre: „Der französische Linguist Jean-Claude Milner hatte recht damit, herauszustellen, wie die Anti-Belästigungsbewegung zwangsläufig seinen Höhepunkt darin erreicht, Gesetze für extreme Formen von sadomasochistischem Sex festzusetzen (eine Person wie einen Hund am Halsband zu behandeln, Sklavenhandel, Folter, einvernehmliches Töten).

In diesen Formen von einvernehmlicher Sklaverei negiert sich die Marktfreiheit des Vertrags selbst: Sklavenhandel wird zu einer ultimativen Behauptung von Freiheit.“ Aha. Und jetzt? Schaffen wir die Freiheit des Konsenses beim Geschlechtsverkehr ab, denn er führt sehr vermittelt und … öhm... irgendwie in den extremsten aller Extremfälle zur totalen Sklaverei? Stattdessen also lieber gleich direkt die totale Sklaverei? Da stellt sich mir nur noch die eine Frage: Gibt es eigentlich eine Grenze möglicher intellektueller Degenerierung, wenn es um Geschlechterfragen geht?

Und letztlich zeigt eine andere Passage klar auf, dass hinter den ganzen unsinnigen, herbei phantasierten Projektionen, mit denen Žižek sein Derailment vollzieht, eigentlich eine ganz bestimmte Angst steht. Nämlich die Kastrationsangst, über den Sex nicht mehr unhinterfragt herrschen zu dürfen: „Und ein ‚ja‘ zu was genau, zu welchen Arten sexueller Aktivität, ist als ein ‚ja‘ deklariert? Sollte dann das Vertragsformular detaillierter sein, sodass die prinzipielle Zustimmung aufgeschlüsselt wird: Ja zu vaginalem, aber nicht analem Sex, ja zu oraler Befriedigung, aber ohne das Sperma zu schlucken, Ja zu leichten Klapsen, aber nicht zu harten Schlägen usw. usw.“

Es ist doch wirklich einmal scheiss egal, ob der Konsens schriftlich-kontraktuell, mündlich oder nonverbal geschieht oder zu welchem genauen Zeitpunkt. Aber: Ja, irgendwie sollte über diese Dinge verhandelt werden. Das ist im übrigen auch in der BDSM-Szene gängige Praxis. Denn wenn ich einfach so in irgendjemandes Mund ejakuliere oder meinen Penis in den Anus stecke oder die andere Person haue wie einen Boxsack, ist das eben im mindesten komplettes Desinteresse für die Wünsche und Begierden der Partner*in. Oder schlicht Vergewaltigung.

Wem das zu kompliziert ist oder zu sehr nach „langen bürokratischen Verhandlungen“ (so Žižek) klingt, dass da beim Sex oder beim Flirt immer auch jemand da sein kann, der Ja zu diesem, Nein zu jenem, oder zuerst Ja, dann Nein sagt; oder gar unklare, vielleicht primär nonverbale, manchmal sogar verspätete Signale sendet, die deshalb für Unsicherheit sorgen (die man aber gemeinsam angehen und im Prozess herausfinden kann, was jetzt passt oder nicht) – der sollte Flirten und Sex eben seinlassen. Und vor allem die Schuld nicht bei den Partner*innen, der kapitalistischen Marktlogik, „dem Sex“ oder sonst wo suchen, sondern allein bei sich und den patriarchalen und sexistischen Logiken, aus denen er/sie offensichtlich nicht herauskommt oder herauskommen will.

So schwierig ist das eigentlich nicht. Man braucht als ersten Schritt einfach nur ein wenig Empathie für das Gegenüber, Willen zur wie auch immer gearteten Kommunikation und die Bereitschaft dazu, eigene Fehler selbstreflexiv erkennen und sie wieder gut machen zu können. Also alles das, was bei fast jedem anderen zwischenmenschlichen Verhältnis auch nötig ist. Einmal davon abgesehen, dass es schlicht nicht akzeptabel ist, dass die grundlegendsten Prinzipien jeder Demokratie in Geschlechterverhältnisse nicht gelten sollen. Und nein, daran geht weder die Leidenschaft noch „der Sex“ kaputt.

Ich wage ganz unkompliziert und unwissenschaftlich die These aufzustellen, dass Flirten und Sex dann nur viel schöner werden, weil sich die Menschen in einer Aura des anerkennenden Geltenlassens von Differenzen wie von Unsicherheiten nicht mehr auf irgendwelche Vorstellungen von „echtem Sex“ versteifen müssten, sondern ihren Sex herrschaftsfrei ausleben könnten. Dafür muss man dann aber auch die Kraft haben, die andere(n) Seite(n) als gleichwertig anzuerkennen. Und unter anderem auch die Kraft, sich aktiv mit denen zu solidarisieren, die sexuelle Belästigung oder sexualisierte Abwertungen erfahren und gleichzeitig die Stärke haben, sich kämpfend zu empowern – anstatt deren Anliegen zur Seite zu wischen wegen der Furcht, dass die einem womöglich den Schwanz abschneiden wollen. Das scheint für einige echt ein schwieriger Schritt zu sein.

Alp Kayserilioğlu
revoltmag.org

Fussnoten:

[1] Alle Übersetzungen ins Deutsche sind von der re:volt-Redaktion vorgenommen worden. Alle Zitate von Žižek sind aus diesem Text.

[2] Welchen Gestalten Žižek da aus der Seele spricht, kann man in den Kommentaren zum Artikel nachlesen.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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