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#metoo - Und nu? | Untergrund-Blättle

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Sexismus als Unterdrückungsmechanismus verstehen #metoo - Und nu?

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Die MeToo-Bewegung wurde vor über 10 Jahren von der Aktivistin Tarana Burke ins Leben gerufen, die sich bis heute für die Rechte junger schwarzer Frauen einsetzt. Alyssa Milano griff das Mitte Oktober 2017 mit grossem Erfolg wieder auf.

Die Aktivistin Alyssa Milano (rechts im Bild) griff die MeTooBewegung, die vor über 10 Jahren von Tarana Burke ins Leben gerufen wurde, Mitte Oktober 2017 mit grossem Erfolg wieder auf.
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Bild: Die Aktivistin Alyssa Milano (rechts im Bild) griff die MeToo-Bewegung, die vor über 10 Jahren von Tarana Burke ins Leben gerufen wurde, Mitte Oktober 2017 mit grossem Erfolg wieder auf. / © Luigi Novi - Wikimedia Commons (CC BY 3.0 unported - cropped)

17. Januar 2018

17. Jan. 2018

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Sie forderte per Twitter alle Frauen, die sexuell belästigt oder missbraucht wurden auf, das per Hashtag zu veröffentlichen. Die Reaktion war gross und bewirkte eine weltweite Sexismus-Debatte. Auch viele Prominente machten ihre Geschichten publik. Der Hashtag hat den Menschen eine Stimme gegeben, die am meisten unter Sexismus leiden und deren Stimmen im patriarchalen Kapitalismus oft untergehen. Unter dem Hashtag schildern die Betroffenen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen und Belästigungen. Bis heute zieht die #metoo-Debatte sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Viele Medien machen seitdem zunehmend kurzen Prozess mit den Übeltätern. Das hat vielen Mut gemacht.

Scham und Verletzlichkeit sind die Gründe, warum wir nicht früher unsere Stimmen erhoben haben. #metoo kehrt das um und nutzt Scham und Verletzlichkeit, um uns zu verbinden und gegenseitig zu stärken. #metoo schreit nach Empathie, nach Anteilnahme und nach Positionierung zum sexistischen Geschehen.

Allerdings geht ein Aspekt in der neuen #metoo-Bewegung unter. Tarana Burke kritisiert diese dafür, dass sie "die Arbeit afroamerikanischer Frauen in Bezug auf die Schaffung eines Dialoges über sexuelle Gewalt" ignoriere.

Während die afroamerikanische Frauenbewegung, die die Bewegung initiierte, die Debatte nicht nur als eine Frage des Geschlechts sieht, sondern auch der Klasse und vor allem auch der Rasse, wird in Deutschland der Begriff der Intersektionalität (die Verflechtung/Überschneidung mehrerer gesellschaftlicher Diskriminierungsformen in einer Person) fast ausschliesslich im akademischen Kontext genutzt.

Sowohl Geschlecht, als auch Rasse und Klasse (sowie auch weitere Diskriminierungsgründe) sind strukturelle, institutionelle und sprachliche Diskriminierungs- und Unterdrückungsinstrumente des patriarchalen Kapitalismus.

Das kapitalistische Patriarchat unterdrückt nicht nur Frauen, sondern alle, somit auch Kinder und andere Geschlechter, Klassen, Rassen, usw.

Der Soziologe Max Weber war der erste, der den Begriff Patriarchat wissenschaftlich verwendete. Nach Weber ist die ursprüngliche Form des Patriarchats "(...) die durch Tradition legitimierte, umfassende Herrschaft des Hausvaters über die Mitglieder einer häuslichen Wirtschaftsgemeinschaft (Frauen, Kinder, Sklaven, Mägde und Knechte)". Mit dem Kapitalismus wurde der Feudalismus abgeschafft, während das Patriarchat gezielt für kapitalistische Zwecke modifiziert und erweitert wurde.

Und so kommt es, dass die weibliche Sexualität von der Gesellschaft noch immer mit einer Art Hurerei in Verbindung gebracht wird. Denn wer im patriarchalen Kapitalismus ein einigermassen stressfreies Leben führen will, der muss sich dem kapitalistischen Körperkult unterwerfen. Hier wird die strukturelle Selbsterhaltungspolitik des Patriarchats durch den Kapitalismus deutlich. Folglich ist der Kampf für die Gleichberechtigung untrennbar mit dem Antikapitalismus verbunden.

Vor allem Menschen, die sich in Führungspositionen befinden, aber auch alle anderen, sollten anfangen die kapitalistischen Strukturen zu hinterfragen, wenn sie die Gleichberechtigung anstreben.

Auch die Werbe- und Pornoindustrie spielt eine wichtige Rolle im Erhalt der heteronormativen Geschlechterideale. Diese Rolle wird oft unterschätzt. Die Pornos der erfolgreichen Pornoindustrien von heute verfolgen fast ausschliesslich männliche, heterosexuelle Fantasien, in denen die Frau als passives und stets sexwilliges Objekt dargestellt wird. Der Umsatz der Pornoindustrie ist mit 70 Milliarden Dollar mittlerweile höher als der der Musikindustrie. Bis 2030 sollen die Umsatzzahlen auf 340 Milliarden Dollar steigen. In Deutschland werden verglichen mit anderen Ländern extrem viele Pornos geguckt.

Das Bild von Sexualität, das uns vermittelt wird, brennt sich uns unweigerlich ein. Sexistische Werbungen bemerken wir kaum noch. Nackte, unterwürfige Frauen und erfolgreiche Männer zu sehen ist für uns schon ganz normal. Sogar in Grossformat und in der ganzen Stadt verteilt reicht eine solche Werbung uns kaum noch als Gesprächsthema. Dabei penetriert uns diese Werbung konstant und wir tun uns schwer, ihr zu entkommen.

Durch die #metoo-Kampagne ist mal wieder deutlich geworden, wie erschreckend Sexismus auf die Öffentlichkeit wirken kann. Diejenigen, die sich schon einmal mit dem Thema befasst haben, sehen die Normalität und Selbstverständlichkeit dieser sexistischen Gesellschaft, wohingegen andere erst jetzt begreifen, was hier vor sich geht. Jedoch wird in Deutschland verglichen mit anderen Ländern kaum darüber diskutiert. Dabei haben sich auch in Deutschland sehr viele Betroffene an #metoo beteiligt.

Nach aktuellen Studien verdienen Männer in Deutschland immer noch fast doppelt so viel wie Frauen. Der Anteil der Frauen in Führungspositionen in grossen Firmen (mehr als 10.000 Mitarbeiter*innen) liegt in Deutschland bei nur 16,9%. Hinzu kommt, dass es im neuen Bundestag so wenig Frauen gibt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Frauen erledigen auch in Deutschland noch den Grossteil der Hausarbeit und Pflege Angehöriger und gehen in Elternzeit. Und das alles meist ohne Bezahlung und ohne Anerkennung. Der neuere Feminismus hat es zwar geschafft, das Recht der Frau auf Arbeit, ein Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau und sogar die Elternzeit für Männer hervorzubringen, die Frau arbeitet heute allerdings mehr als der Mann, die Frau wird trotzdem immer noch schlechter bezahlt und die Männer nehmen die Elternzeit bisher - auch aufgrund des Drucks ihrer Arbeitgeber - nur zögerlich in Anspruch. Laut den neuesten Studien wenden Frauen 2,4 Mal so viel Zeit für unbezahlte Fürsorgearbeit auf wie vergleichbare Männer und verrichten das 1,6-fache an Hausarbeit.

Deutschland hat ein Sexismusproblem

Und genau deswegen schliesse ich mich Laurie Penny an: "We really need to have a revolution of lazy women". Ausserdem sind die BKA-Studien zu Opfern von Partnerschaftsgewalt in Deutschland alarmierend:

Über 65.800 Frauen wurden 2015 in Deutschland Opfer von vorsätzlicher einfacher Körperverletzung, über 16.200 von Bedrohung, 11.400 von gefährlicher Körperverletzung, 7.900 von Stalking und 331 von Mord und Totschlag durch ihren Partner.

"Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer zu fast 100% weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 90%. Bei vorsätzlicher, einfacher Körperverletzung sowie bei Mord und Totschlag in Paarbeziehungen sind es 80%", so das BKA. Und das sind nur polizeilich erfasste Fälle, die sich auch nur auf Gewalt in der Partnerschaft beziehen.

Eine von Phoenix dokumentierte Studie über Sexismus zeigt, dass im realen Leben, ausserhalb der sozialen Netzwerke, nur 15% der Frauen auf Sexismus reagieren. Diese reagieren erschreckender Weise auch nur schwach und zögerlich. Keine der Probandinnen hat dem offensichtlichen Sexismus wirklich Kontra gegeben. "Die Probanden wollten nicht als weinerlich oder als überempfindlich dastehen, denn das sind die Schlagworte, die immer kommen. Dass dann gesagt wird, du bist humorlos. So möchte man halt auch nicht auf andere wirken, und darum sagen Frauen auch oft etwas nicht."

#metoo berlin

In Berlin gab es in Folge der Wiederbelebung der #metoo-Debatte am 28.10.2017 eine grosse Demonstration, organisiert von #metoo berlin. Ich war dort und habe die Kraft und die Stärke deutlich gespürt, die uns diese Kampagne gegeben hat. Das war keine normale Anti-Sexismus-Demonstration. Es waren alle Geschlechter da, bunt gemischt, es wurden bewegende Reden gehalten, und trotz der Kälte und des Regens waren die Leute alle verzaubert und tanzten und hörten sich gegenseitig zu. In Folge dieser Demonstration haben sich etliche Berliner bei den Organisatoren gemeldet um die Bewegung zu unterstützen.

In der #metoo-Bewegung geht es darum, dass alle, unabhängig von Geschlecht, Rasse und Klasse, aufgefordert sind ihre Stimme zu erheben um auf das Ausmass an sexistischen Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, um das Schweigen zu brechen und letztendlich, um uns gegenseitig zu stärken.

Die Offenheit dieser Bewegung machte sie gross. Auch Männer gehören dieser Bewegung an.

Allerdings haben wir insgesamt in den feministischen Gruppierungen viel zu wenig Männer. Und damit nicht genug. Sie werden von einigen Gruppierungen auch ausgeschlossen.

Bei #metoo berlin wurde darauf geachtet, niemanden auszuschliessen und klar deutlich zu machen dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern um Alltagsfälle, dass es nicht um einzelne Vergewaltigungen geht, sondern um eine Vergewaltigungskultur, und nicht um einzelne Belästigungen, sondern um einen tief in unserer Gesellschaft verankerten Sexismus. Klar wurde auch, dass Sexismus als ein "Ausdruck dieses Systems" erkannt werden muss. Das betonte eine der Organisatorinnen in einem Videoclip der Demonstration.

Am 25.11.2017, dem "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen", war ich auf einer weiteren Berliner Demonstration unter dem Titel "Den Feminizid weiter bekämpfen", die vom "International Women Space" und der "Alliance of internationalist feminists - berlin" organisiert wurde.

Auf Facebook fand man dazu viele verschiedene Veranstaltungsseiten mit verschiedenen Titeln in verschiedenen Sprachen. Ein spanischsprachiges Facebook-Event für Lateinamerikaner*innen, das ebenso zur Teilnahme an der Demo aufrief, schrieb in ihrem Info-Text:

"(...) Männer: es wurde mehrheitlich entschieden, dass es sich um einen Frauenmarsch handelt. Aus diesem Grund werden Männer, die gegen Gewalt an Frauen marschieren wollen, aufgefordert, am Ende des Demonstrationszuges zu laufen und nicht zwischen den Blöcken.

Obwohl dieses Thema viele Debatten auslöst, werden wir diese Konsensentscheidung respektieren. (...)" (Anmerkung der Autorin: der Text wurde vom Spanischen ins Deutsche übersetzt.)

Abgesehen davon, dass sie sich nach Nationalitäten sortieren, indem sie jeweils nur die Leute der eigenen Nationalität ansprechen, ist hier definitiv keine Gleichberechtigung von Mann und Frau vorgesehen. Leider ist das noch immer Gang und Gebe in vielen feministischen Bewegungen. Auch in meinem Umfeld berichten mir Männer immer wieder, wie sie von Feministinnen ausgeschlossen bzw. ungleich behandelt werden. Viele halten die Sexismus-Debatte generell für ein "Frauenproblem". Und wenn es dann mal Männer gibt, die dagegen aufstehen wollen, werden sie leider oft ausgegrenzt. Doch Sexismus ist ein Problem aller Geschlechter. Niemand sollte im Kampf für eine Gleichberechtigung ausgeschlossen werden.

Jetzt werden vielleicht einige Männer sagen "Aber wir sind doch gar nicht betroffen, wie sollen wir da aufklären?" Die Wahrheit ist, dass Männer sehr wohl betroffen sind, und zwar sehr. Abgesehen davon, dass eure Mütter, Schwestern, Tanten, Töchter und Omas betroffen sind und ihr somit auch, habt ihr in eurem Leben sicherlich schon einmal den Druck verspürt, "männlich" sein zu müssen ("männlich" im Sinne des patriarchalen Männerideals).

Fragt man jemanden, welche die schlimmsten Beleidigungen für Männer sind, werden die meisten Antworten etwas mit Femininität oder Schwulsein zu tun haben. Männer leiden auch unter enormem gesellschaftlichen Druck. Warum sind es denn immer grösstenteils die Männer, die Frauen, andere Männer, Transsexuelle oder Kinder vergewaltigen? Warum gibt es immer wieder auf Männer zurückzuführende Sexismus-Skandale in grossen Institutionen, wenn Männer damit nichts zu tun haben?

Und dasselbe System, das Männer hervorbringt, die Frauen missbrauchen, produziert doch auch Männer, die andere Männer missbrauchen.

Die meisten männlichen Opfer von Gewalt sind doch Opfer der Gewalt von anderen Männern. Wir brauchen mehr Männer, die das grosse Schweigen der Männerkultur brechen. Wir wollen ja schliesslich auch diejenigen ansprechen, die eher Männern zuhören und Glauben schenken. Für die Gleichberechtigung müssen wir gemeinsam an einem Strang ziehen, die Männer müssen aufstehen und mitdiskutieren, und die Feministinnen dürfen sie nicht ausschliessen. Im Grunde sind Feministinnen, die Männer ausschliessen, keine Feministinnen. Denn der Feminismus definiert sich als geistige Einstellung, die die gleichen Rechte und Chancen für alle fordert.

Emanzipation

Die #metoo-Bewegung hat uns über den sexistischen Alltag aufgeklärt. Sie ist somit ein wichtiger und notwendiger Wegbereiter, um jetzt den nächsten Schritt zu wagen: die Geschlechterrollen, die uns auferlegt wurden, und die Marginalisierung des Weiblichen (und der vom heteronormativen Geschlechter-, Rassen und Klassenidealen abweichenden Menschen) zu hinterfragen und uns den patriarchalen Strukturen zu verweigern.

Wenn wir die gleichen Rechte und Chancen für alle wollen, dürfen wir nicht länger mitspielen und auch nicht länger schweigen. Denn was ist der patriarchale Kapitalismus ohne uns?

Malou Torres / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 425, Januar 2018, www.graswurzel.net

Malou Torres ist freie Autorin, Künstlerin, Schauspielerin, Übersetzerin (Brasilianisch/Deutsch, Englisch/Deutsch, Brasilianisch/Englisch) und Anarchafeministin.

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