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Die globale Commons-Bewegung tut sich schwer mit der konsensualen Bestimmung ihres ureigenen Gegenstands, den Commons. Wie bei anderen emanzipatorischen Ansätzen so findet auch hier ein mühsames Freischwimmen aus den bürgerlichen Bedeutungsbesetzungen statt.

27. August 2013

27.08.2013

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Jede partielle Klärung wirft sogleich neue Fragen auf, und immer wieder geht es ums Ganze. Begonnen hat die Absetzbewegung mit der Kritik des Tragik-Theorems von Garrett Hardin, demzufolge ein Commons stets übernutzt und letztlich zerstört werden muss, wenn alle Beteiligten ihren Nutzen zu maximieren trachten. Commons werden hier kurzschlüssig als Ressourcen mit offenem Zugang (open access) definiert. Auswege zur Verhinderung der „Tragik der Commons“ bieten dann nur staatliche Regulierung oder Privatisierung. Es liegt auf Hand, dass der Neoliberalismus hieraus ein mächtiges ideologisches Motiv zur Legitimierung forcierter Privatisierungen schöpfte, nachdem der Staat mit dem Niedergang des Realsozialismus gründlich desavouiert war. Und es verwundert nicht, wenn die NATO die offenen Weltmeere oder den Weltraum als „Commons“ ansieht, die sie als suprastaatlicher Player zu regulieren, sprich: zu beherrschen gedenkt.

Doch Commons sind keine unregulierten Ressourcen. Die Beteiligten, etwa die Viehhirten im Falle Hardins, sind keine tumben und stummen Nutzenmaximierer, als die sie die bürgerliche Ökonomietheorie gerne modelliert, sondern Menschen, die im wohlverstandenen eigenen Interesse ihre gemeinsame Nutzung der Ressource (etwa der Viehweide) so absprechen, dass die Ressource erhalten bleibt und langfristig genutzt werden kann. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat dies anhand vieler empirischer Feldstudien gezeigt – noch völlig im Rahmen der Theorie vom homo oeconomicus. Der kommunizierende Nutzenmaximierer ist klüger. Commons werden folglich in fortgeschrittenen Ansätzen schon mal als „gemanagte“ statt schlicht als unregulierte Ressourcen bezeichnet.

Ungebrochen war hingegen noch lange Zeit der Bezug auf stoffliche und zumeist natürliche Ressourcen: Wasser, Land, Wälder. Dies änderte sich mit dem Auftreten der neuen Commons: Information, Wissen, Kunst, Kultur, Software. In ihrem Fall bedeutet „Teilen“ nicht halbieren, sondern verdoppeln, ist doch das Teilen und Mitteilen hier in der Regel mit schlichter Wiederholung bzw. mit nahezu aufwandslosem „Kopieren“ verbunden. Sind stoffliche Güter und Ressourcen eher durch Übernutzung bedroht, können kulturelle Güter durch Unternutzung verwaisen. Viele Commons-Aktive sahen hierin lange einen tiefen Graben zwischen rivalen und nicht-rivalen Gütern. Doch schnell wurde deutlich, dass mit dieser Sicht die Hardin’sche Ressourcenfixierung auf der Ebene der Nutzung wiederholt wird.

Der marxistische Historiker Peter Linebaugh brachte mit seiner prägnanten Formel „There is no commons without commoning“ zusammen, was zusammen gehört: Commons sind nichts ohne den schöpferischen sozialen Prozess drumherum. Die Praxis des Commoning rückt nun in den Fokus. Die Freude über die Entdeckung des Sozialen in den Commons verdeckt jedoch manchmal, dass es nicht nur um einen sozialen Ressourcen nutzenden und erhaltenden Prozess geht, sondern dass dabei auch etwas herauskommt: Produkte. So wird immer noch gerne die irreführende Formel Commons = Ressourcen + Community + Regeln verwendet. Tatsächlich ist die Formel eher den Praktiken der traditionellen Commons entnommen als auf die neuen Commons beziehbar. Wieder wird reproduziert, was erklärtermassen überwunden werden soll.

Die Untauglichkeit der produktagnostischen, eher auf die Bewahrung von Ressourcen bezogenen traditionellen Commons-Sicht fand ihren Ausdruck in der Schaffung eines neuen Begriffs für die neuen Commons: Peer-Produktion. Hiermit werden zwei zentrale Aspekte des Commoning deutlicher benannt: Es geht um die Tätigkeiten von Gleichrangigen (Peers), und es geht um die Schöpfung von Neuem, um Produktion. „Commonsbasierte Peer-Produktion“, von Yochai Benkler eingeführt – wäre das nicht ein Kandidat für eine übergreifende Definition? Nein, denn „commonsbasiert“ ist zu wenig, denn was nutzt eine Produktion, die zwar Commons nutzt, aber keine schafft? Sehr gerne produziert auch das Kapital „commonsbasiert“, eigentlich schon immer – ignorant gegenüber den Folgen für die Commons. Commons-Aktivistin Silke Helfrich sieht klar das Dilemma und schlägt die „Commons Creating Peer Production“ vor, was sich aber nur länglich mit „commonsschaffende Peer-Produktion“ übersetzen lässt. Wie wäre es mit „Peer-Commons-Produktion“ oder einfach nur „Commons-Produktion“?

Was aber ist mit dem Care-Bereich (Gesundheit, Kinder- und Altensorge, Pflege usw.) – sind hier nicht auch Commons zu finden? Wird nicht durch die Überbetonung des produktiven Aspekts die alte geschlechtliche Sphärenspaltung zwischen Produktion und Reproduktion wiederholt? Doch Care-Commons sind ein gutes Beispiel dafür, wie Prozess und Produkt zusammenfallen, wie Produktion und Reproduktion gerade nicht getrennt sind. Die Sphärentrennung ist ein Artefakt der Warenproduktion, Commons hingegen kennen sie nicht.

Allein weil Commons gesellschaftlich nicht die dominante Produktionsweise sind, sondern sich in den parzialisierten Bereichen der Warenproduktion behaupten oder entwickeln müssen, sind bestimmte Einseitigkeiten auch bei den Commons zu finden. Ihrer Potenz nach bieten Commons die Möglichkeit und die Strukturen, die Spaltung zwischen Produktion und Konsumtion, Produktion und Reproduktion, Inkludierte und Exkludierte zu überwinden. Gerade weil sich die Commons in ihrem Kern tatsächlich von der Warenproduktion unterscheiden, werfen sie im Prozess des Selbstbegreifens der eigenen Praktiken auch immer wieder neue Fragen auf, die nicht in den Kategorien der Warenproduktion gelöst werden können.

Die Commons sind eine Provokation, auch für die Commoners selbst. Das praktische und theoretische Herauswühlen aus den Logiken und Theoremen der Warengesellschaft kennt keine Automatismen und lässt sich nicht per Proklamation in die Welt setzen. Der Bruch ist ein Prozess.

Stefan Meretz
streifzuege.org

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