Datum

4. April 2017

Gesellschaft

Sprüche für Bierzeltgröler und Twitter-Fans

Alternative Facts

Gesellschaft

Trump-bashing macht bei zivilisierten Leuten in Amerika und in Europa (soweit sie sich noch trauen) Furore. Trump selbst hingegen bei der anschwellenden Zahl der eher Unzivilisierten aller sozialen Klassen, einschliesslich der „politischen Klasse“ auch.

Deren aller Haltung ist: Es gibt kein Problem, wenn eins ihm davonläuft – speed kills. Es muss wieder so werden, wie es schon einmal war. In den Fünfzigern und Sechzigern, wo ein Grossteil dieser Leute jung war. America first! – Make America great again! (So hat 1980 schliesslich Reagan auch gewonnen.) Ein bescheidenes „Österreich zuerst!“ und Dementsprechendes in allen anderen nationalen Pferchen gehört da zum internationalen Milieu. Trotzig schleudert man derlei dem „korrupten Establishment“, der „Lügenpresse“, den „sogenannten Richtern“ entgegen. Die Sprüche sind für Bierzeltgröler und Twitter-Fans, die Rezepte retro, gerade deshalb für viele überzeugend: Chauvinismus, Rassismus, Sexismus, Gewaltfantasien als „alternative facts“, als gefährliche Drohung.

Die Liberalen im „Establishment“ aller Länder raufen sich die Haare wegen dieser Rüpel, die da als Programm etwas herausschreien, was doch alles „nicht mehr einfach so geht“. Die Dynamik der Ausbeutung der Welt, der belebten wie der unbelebten für die Verwertung eingesetzten Kapitals, die Vermehrung investierten Gelds siecht dahin an der Ausmerzung des Inhalts von Wert durch die Ersetzung produktiver menschlicher Arbeit durch Automation. Auf jeden Fall aber zerschellt sie an der Endlichkeit des Planeten und an der Zerstörung unserer Biosphäre. Staaten lösen sich auf durch anthropogene Naturkatastrophen, ökonomischen Zerfall, Kriege, Verarmung, Flucht und Tod von vielen Millionen. Auf Dauer halten Zäune und Mauern nicht.

Die Funktionäre und Verwalter des Kapitalismus sind angesichts dieses Niedergangs abseits der Mikrophone ratlos. Mehr mit Gesetzen als mit Hetzen gehen sie Schritt um Schritt Trump und Konsorten nach. Diese springen aus der Ratlosigkeit um in blinde Wut gegen die „korrupten Politiker“, die die alte „freie Bahn den Tüchtigen“ verlegen, und Wut auf die Konkurrenz, die Schurkenstaaten, Terroristen, Migranten, „Gutmenschen“ und alle „Unbrauchbaren“. Sie machen sich daran, gegen diese alle die Staatsmacht zu mobilisieren, die Gewalt des Staats von den Bürokraten bis zu den Militärs, im Äussern wie im Innern.

Der Rückgriff auf offene Gewalt ist durchaus logisch und erst recht bedrohlich – der Kapitalismus ist schliesslich selbst Kind der Gewalt, seine Ordnung ist zu Struktur gefrorene Gewalt, die auftaut, wenn er nicht mehr funktioniert. Retten lässt sich so die stockende Verwertung nicht, Gewalt kann aber entscheiden, wer am längsten im alten Gleis der Weltzerstörung weiterfahren darf, vor allem aber droht aus einem Meer von Not und Blut eine neue noch unbekannte Ordnung der Gewalt unter den Resten der Menschheit zu entstehen.

Dieses Leben und seine Perspektiven sind zum Abgewöhnen. Wir sind ja nicht nur im Grossen, sondern ganz alltäglich in den ganz kleinen Dingen gegeneinander aufgestellt in der Ordnung der Herrschaft und der Konkurrenz, die längst in unser Denken, ja unser Fühlen eingedrungen ist. Sich behaupten können bei „Jeder ist sich selbst der Nächste“ und „Nimm, was du kriegen kannst“ ist heute nicht einmal mehr „das schlecht entworf’ne Skizzenbild des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt“ (Jura Soyfer). Es ist schlicht zum Ekeln.

Umdenken tut not, reicht aber nicht, „Umleben“ braucht es. Ein gutes Leben ist nur zu haben im Kreis von Menschen, die füreinander sorgen. Es gilt, den Alltag in unsere, der „Nachbar*innen“, Hände zu bekommen, unser Essen und Trinken, unser Wohnen – das wäre schon ein grosser Anfang. Schaut und hört euch um, solche Wünsche, ja die praktischen Versuche sind unterwegs. Die Wenigsten sind auf immer unbelehrbar. Umgeht, demoralisiert Gewalt! Macht sie lächerlich, wo immer es geht! Und wer zu ihr gezwungen war, braucht keinen Heldenkult, Gewalt braucht Heilung. Schlagt nach bei „Commons“ und „Solidarwirtschaft“, analysiert und kritisiert! Experimentiert! Das eine braucht das andere. Scheut keinen Streit, solange er zu Erkenntnis, Versöhnung und neuer Einheit führen kann! Schafft wirklich alternative Fakten! Noch ist Zeit. Vielleicht.

Lorenz Glatz

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