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Twitter-Forschung Wie politisch sind 140 Zeichen?

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Bürgerrechtler und Aktivisten nutzen Twitter für ihre Anliegen. Auch Politiker haben das 140-Zeichen-Diskursmedium entdeckt. Doch gibt es tatsächlich so etwas wie „politisches Twittern“?

23. Dezember 2012

23.12.2012

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Hierzulande ist man pessimistisch: Twitter gilt als “zu emotional”. Die Forschung erlaubt eine differenziertere Betrachtung. Der Politologe und Berliner Gazette-Autor Christoph Bieber bietet Überblick.

Wenn Sozialwissenschaftler oder Politologen Twitter betrachten, können zwei ganz unterschiedliche Perspektiven gewählt werden: einerseits (und das ist die dominierende Variante) lässt sich die Kommunikation bei Twitter hinsichtlich der Echtzeit-Dimension erfassen.

Das geschieht in den vielen Studien, die sich der Entstehung spontaner Öffentlichkeiten widmen und mit teilweise imposanten Visualisierungen und Animationen das Aufkommen von Hashtags abbilden und so die Genese von Kommunikationsnetzwerken und –verläufen aufzeigen. Beispielsweise Axel Bruns und Jean Burgess in ihrem Buch The Use of Twitter Hashtags in the Formation of Ad Hoc Publics.

Twitter ist ein “offenes System”

Die andere Variante unternimmt dagegen den Versuch, den Zeitfaktor aus dem Material herauszunehmen. Hier geht es um die verschiedenen Funktionen, die Twitter den NutzerInnen zur Verfügung stellt. So gibt es eine aktuelle Studie, die sich mit den Twitter-Werkzeugen “RT”, “http://”, “@” und “#” auseinandergesetzt:

“Tweets können mit den vier Kommunikationsoperatoren (RT, http://, @, #) multireferenziell gestaltet werden. Twitter bildet durch die Bezugnahmehandlungen, die mit diesen Operatoren vollzogen werden, ein komplexes Diskurssystem mit vielfältigen crossmedialen Verweisformen. Es fungiert als Schnittstelle und ist insofern ein offenes System.”

Die Konzentration auf diese nicht-sprachlichen Elemente der Twitter-Kommunikation ist naheliegend: Man muss analysieren, wie diese “Bindeglieder” die ganzen Fragmente (Tweets) zu einem Netz verknüpfen. Diese Analyse entzieht der Sofort-Kommunikation gewissermassen die Zeit-Dimension (oder zumindest Teile davon). Doch lenkt sie am Ende den Blick nicht doch wieder auf die Bedeutung der Echtzeitkommunikation? Ich denke, ja. Weil das Interesse für das Netz und die Bedeutungen und Machtfelder, die es generiert, nicht zuletzt eine Frage aufwirft: welche zeitlichen Abläufe haben dieses Netz entstehen lassen und haben (politische) Konsequenzen?

Kommunikation zwischen Bürgern, Medien und Politik

Der Faktor Zeit ist von grosser Bedeutung für die Anschlussfähigkeit der Online-Kommunikation in Richtung der Politik, die sich meist eher durch relative Langsamkeit auszeichnet.

Interessant ist damit zunächst einmal, dass Twitter „in Echtzeit“ auf Politik und Öffentlichkeit einzuwirken scheint. Dass es offenbar aber auch eine „langsame Komponente“ gibt, die einen „entschleunigten Austausch“ in Form dialogischer Kommunikationssegmente erlaubt. Folgt man den Beobachtungen der Medienwissenschaftlerin Caja Thimm und ihren Kollegen, dann spielt sich die Twitter-Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern sehr viel stärker zeitversetzt in solchen „Diskursfragmenten“ ab. Die Echtzeitkommunikation zeigt dagegen eher Effekte in Richtung (massen-)medialer Öffentlichkeiten.

Auch in funktionaler Perspektive entsteht dabei eine Zweiteilung: entschleunigtes Twittern kann Spuren politischer Diskussion und Deliberation aufweisen. Echtzeit-Twittern reicht hingegen eher in den Bereich des Agenda Setting hinein.

Schnelles Twitter, langsame Politik?

Insofern kann man also keinesfalls zwingend von einer Ungleichzeitigkeit der schnellen Twitter-Kommunikation und einer langsamen Politik ausgehen. Denn Ungleichzeitigkeit kann auch produktiv sein.

Damit ist ein interessanter Bogen zum Partizipationsbegriff hergestellt. Der Soziologe Winfried Schulz beschreibt politische Partizipation als „Formen zielgerichteten Handelns einzelner Bürger, die sich – direkt oder indirekt – auf die Beeinflussung von Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen des politischen Systems richten“.

Wenn sich nun einerseits Studien der nachträglichen Filterung von Diskursfragmenten aus den unterschiedlichen Tweet-Korpora widmen, so wären für künftige Untersuchungen auch die Echtzeit-Aspekte des explizit politischen Twitterns interessant. Und zwar nicht die Ausbildung von Hashtag-Öffentlichkeiten, sondern der zielgerichtete Twitter-Kontakt zwischen Bürgern und Politik. Zum Beispiel während Plenardebatten, Fraktionssitzungen oder Koalitionsverhandlungen.

Transparenz-Effekte: Twittern im Landtag

Spannend wäre hier die Frage, ob sich dadurch klassische Arenen politischer Kommunikation verändern. Die parlamentsinternen Debatten um die Zulassung von Twitter in Landtagen (z.B. in Hessen oder Hamburg) deuten an: Die politischen Akteure ahnen die Möglichkeiten einer Wirkung auf die Plenardiskussionen.

Eine politikwissenschaftlich angeleitete Twitter-Forschung könnte hier lohnende Untersuchungsfelder finden: inwiefern greifen Bürger „von aussen“ in den parlamentarischen Diskurs ein? Inwiefern holen sich Abgeordnete während der Auseinandersetzung Informationen, Einschätzungen oder Unterstützung in den Plenarsaal hinein? Entsteht auch eine „digitale Metadebatte“ innerhalb der Fraktionen oder quer zu deren Grenzen?

Skalierte Partizipation?

So spannend die empirischen Ansatzpunkte auch sein mögen, die systematische Darstellung und Skalierung von politischer Partizipation via Twitter dürfte sich schwierig gestalten. Grundsätzlich eröffnet die Kontextualisierung der Kommunikationsvorgänge die Möglichkeit einer Einordnung in ein Partizipationskontinuum.

Doch wo erreichen „weichere“ Beteiligungsformen wie etwa „Engagement“ die Grenze zur tatsächlichen Partizipation? Wann erreichen Elemente der Twitter-Kommunikation andere Kommunikationskreisläufe? Wann werden sie in konkrete Handlungen im politischen Prozess umgeformt? In welchen Fällen lösen Hashtag-Öffentlichkeiten Anschlusskommunikationen in den etablierten Massenmedien aus? In welchen Fällen leisten sie einen Beitrag zum Agenda-Setting?

Hilfreiche Kategorien für eine solche Einordnung und die weiterführende politikwissenschaftliche Bearbeitung könnten die Begriffe der “Responsivität des Abgeordnetenhandelns” (Thomas Zittel) oder die Entscheidungsnähe der Diskursfragmente sein.

Christoph Bieber

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Workshops zur “Partizipation und Vernetzung in mediatisierten Welten” des Forschungsfelds “Netzwerke” im DFG-Schwerpunktprogramm Mediatisierte Welten.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

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