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Eine Welt jenseits von Facebook | Untergrund-Blättle

Datum

3. August 2017, 15:25 Uhr

Digital

Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus Eine Welt jenseits von Facebook

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Soziale Netzwerke sehen sich immer heftigerer Kritik ausgesetzt: Verflachung des Zusammenlebens, Manipulation, Hass-Kommentare und der Ausverkauf privater Daten. Höchste Zeit, um Alternativen auf den Weg zu bringen.

3. August 2017

3. Aug. 2017

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Der Netzkritiker und Berliner Gazette-Autor Geert Lovink unternimmt eine Bestandsaufnahme und fordert, dass Tech-AktivistInnen und UserInnen ihre Anliegen grundlegender und radikaler formulieren müssen, wenn sie in einer Welt jenseits von Facebook leben wollen:

In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten, in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt. Wir brauchen auf jeden Fall ein besseres Verständnis von Schnittstellen und Software und davon, wie unsere Daten in der Cloud gespeichert sind. Wir haben keinen Zugang zum Code mehr, und Bewegungen, die dieses Problem erkannt haben, sehen sich inzwischen im „Krieg gegen den Universal-Computer“, wie es Cory Doctorov auf dem 28. Chaos Computer Congress in Berlin im Dezember 2011 beschrieben hat.

Nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt

Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten ausserhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schliessung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

Unternehmenssilos und Alternativen

Während sich sozialwissenschaftliche Unterfangen wie das von Christian Fuchs vor allem einer (marxistischen) Analyse der politischen Ökonomie der sozialen Medien widmeten, war für Unlike Us vor allem ein breiter künstlerischer und geisteswissenschaftlicher Blickwinkel wichtig, der z. B. „Web- Ästhetik“ (untersucht von Vito Campanelli) oder den aktivistischen Einsatz kleiner Peer-to-Peer-Netzwerke einschloss. Kritik und Debatten über alternative Medien sind hier jeweils an einer ästhetischen Agenda orientiert. Auch wenn die in den Unternehmenssilos Verbliebenen verständlicherweise einen Bedarf an praktischer Anleitung haben, kann die kritische Forschung hier nicht stehenbleiben. Ein anderes soziales Netzwerk ist möglich. Sollten wir das semi-zentralisierte Modell einer globalen ‚Föderation‘ wieder ins Auge fassen oder uns weiter für radikal dezentralisierte Modelle starkmachen? Kann ein ‚föderiertes soziales Web‘ jemals mehr sein als eine Art unausgegorene Dritter-Weg-Alternative?

Zu den bekanntesten Social-Media-Alternativen gehören das spanische Netzwerk Lorea, das 2011 stark von den spanischen ‚Indignados‘ genutzt wurde, und New Yorker Start-ups wie Diaspora, bei dem es allerdings nach einem erfolgreichen Fundraising von 200.000 Dollar über Kickstarter ein ziemlich katastrophales Ende gab: Erst gelang es nicht, unter den Aktivisten eine breitere Anhängerschaft zu gewinnen, und dann führte der Selbstmord eines der Gründer zu einer vollständigen Implosion. Erst mehrere Jahre später, nachdem der Code des Projekts offengelegt und der Community übergeben worden war, konnte die Plattform wiederhergestellt werden. Dazu kam, dass die meisten Social Media-Alternativen, wie April Glaser und Libby Reinish in einer Kolumne des Slate-Magazins feststellten, immer noch „zentralisierte Server, die kinderleicht auszuspionieren sind“, nutzten. Weitere Initiativen wie Crabgrass, Friendica, Libertree, pump.io, hyperboria, GNU Social, the Dark Web Social Network und das IndieWeb-Toolkit existieren schon eine ganze Weile (in verschiedenen Abwandlungen), doch keine hat jemals eine kritische Masse erreicht, nicht einmal innerhalb der Aktivisten-Gemeinschaft.

Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der grossen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und liessen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

Hyperwachstum, Statistiken und Quantitäten

Die ‚Richard-Florida-These‘, dass Angebote, die zuerst von gegenkulturellen Künstler-, Schwulen-, Lesben- etc. Szenen, „den ‚frühen Vögeln‘ der Kreativwirtschaft“, aufgegriffen werden, sich bald danach zum Mainstream wandeln, erwies sich nicht mehr als zutreffend. Christian Fuchs warf in die Debatte ein: „Werbefrei zu sein reicht nicht aus – entscheidend ist, dass man nicht-kapitalistisch ist, wenn man eine Alternative zu Facebook sein will. Ello macht nirgendwo klar, ob es nun ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, ein Hobby-Projekt, ein Haufen Künstler oder eine Kooperative. Es scheint seinen rechtlichen Status zu verbergen, und das ist ein Problem. Ello sagt, es sei ein ‚öffentliches Netzwerk‘. Aber man ist nur wirklich öffentlich, wenn man entweder ein öffentlicher Dienst ist oder im Allgemeinbesitz. Was Ello ist, ist unklar – und dass es seinen rechtlichen Status und sein Verhältnis zum Kapitalismus nicht bekanntmacht, finde ich beunruhigend.“

Daily Dot stellte die naheliegende Frage: „Was, wenn der Zweck eines sozialen Netzwerks tatsächlich soziale Vernetzung wäre, statt Geld zu machen?“ Innerhalb weniger Wochen war das Kapitel für die meisten auf der Unlike-Us-Liste beendet. Letzten Endes bekam Ello dann auch sein Risikokapital und schaffte es innerhalb eines Jahres, immerhin über eine Million regelmässiger Nutzer zu gewinnen.

Auf die Grössenordnung von Facebook zu kommen, könnte nur gelingen, wenn neue Initiativen gewillt wären, ganze Adressbücher zu importieren (möglichst hinter dem Rücken ihrer neuen Nutzer), um ein Hyperwachstum sicherzustellen. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir die Erwartungen an Alternativen herunterschrauben und uns auf die spezifischen Einflüsse der neu gebildeten Netzwerke konzentrieren statt auf Statistiken und Quantitäten (Klicks pro 1.000 Seitenbesuche, Likes). Unabhängig davon ist die Vorstellung, alle persönlichen Daten wie Fotos oder Profil-Updates auf nahtlose Weise von Facebook umzusiedeln zu können, aber auch unrealistisch. Ganz neu zu beginnen und Facebook komplett zu vergessen, könnte dagegen eine wesentlich reizvollere und befreiendere Geste sein.

Trotz des Gefühls der Stagnation gab es 2013 und 2014 lebendige Diskussionen über die Allgegenwart der sozialen Medien. Der Fokus verschob sich von ‚Freunden‘ auf ‚Interessen‘, und man beschäftigte sich zunehmend mit ‚kontextuellen Netzwerken‘, vergleichbar den ‚organisierten Netzwerken‘. Könnte Forum-Software eine Alternative sein? Inzwischen begannen auch normale Nutzer, sich Sorgen um den Schutz der Privatsphäre bei Facebook und Google zu machen.

Die Liste kleinerer und grösserer Alternativ-Apps und Social Network Tools ist gewachsen. Dazu gehören z. B. die Hater App („statt Dinge zu posten, die du magst, poste Dinge die du hasst“), der EFF-Test für die Cybersicherheit mobiler Chats und die kommerzielle Firechat App, die für Nah-Kommunikation während der Proteste in Hongkong 2014 genutzt wurde. Die Freien-Software-Initiativen gewannen in diesem Jahr an Stärke, z. B. mit der Gründung des GNU Consensus Projekts, mit der NoisySquare-Versammlung während des Hacker-Camps Observe.Hack.Me und vor allem mit den You-Broke-the-Internet-Workshops während des 30. Chaos-Communication-Kongresses in Hamburg.

Ballons oder Wi-Fi-Türme

Neben weiteren Eingriffen in die Privatsphäre wurde auch Facebooks „Venture Humanitarianism“ kritisch hinterfragt, ebenso wie die internet.org-Initiative mit ihrem Vorhaben, begrenzte Web-Dienste in nicht-westlichen Ländern über Ballons oder Wi-Fi-Türme zur Verfügung zu stellen. Haben wir hier ein politisches Programm? Wie gehen wir mit dem politischen Bereich der Regulierung um? Oft hält man sich fern und verlangt gleichzeitig (von wem?), dass etwas geschehen müsse, um die Erosion des unabhängigen Internets aufzuhalten. Man denke an den Post-Snowden-Slogan „We need to Fix the Internet“. Aber wer ist „wir“ und an wen ist diese Forderung gerichtet? Das Problem geht zurück auf den moralischen Bankrott der Internet-Governance-Modelle, die wir in den letzten 25 Jahren gesehen haben.

Wenn wir es der Ingenieurs-Klasse überlassen, bekommen wir zentralisierte Monopole: Internet Society, IETF, ICANN. Sie alle haben letztendlich Zensur, Filtern und monopolistische ‚Märkte‘ ermöglicht und die zentralisierte Infrastruktur der Kabel und Datenzentren abgesegnet, die die Überwachung zur Normalität gemacht hat, von ad agency scales bis zur NSA. Zu sagen, der Kampf um das offene Internet ist gescheitert, wäre noch viel zu nett ausgedrückt. Es muss eine andere Form von Regulierung geben. Und die Ingenieure können nicht einfach ihre Arbeit verlassen und sagen: wir hatten nichts damit zu tun. Niemand aus ihrem Lager hat versucht, Facebook zu stoppen.

Mit ihrem blinden Glauben an ‚Netzneutralität‘ haben sie sogar die Libertären in die Irre geführt. Ohne gleich ein internationales Strafgericht einsetzen zu wollen, müssen diese Fragen doch angesprochen und vor allem von unabhängiger Seite untersucht werden. Dies gilt auch, wenn wir Alternativen aufbauen wollen. Wir können die Dinge nicht mehr auf die alte Art machen. Es geht nicht mehr darum, den besseren Code zu entwickeln. Aber gleichzeitig müssen wir auch sehen, dass Regulierung keine Lösung ist, wenn die richtigen Ideen fehlen. Wir können Brüssel beschuldigen, zu langsam zu handeln, aber das bleibt eine symbolische Geste, wenn wir mit leeren Händen dastehen und keine Antwort auf die Frage haben, „welches andere Internet möglich ist“. Ohne alternative Konzepte und Entwürfe können wir die Internetindustrie nicht regulieren.

Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Aussenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Geert Lovink
berlinergazette.de

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