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Digitale Selbstbestimmung: „Nach zehn Jahren Facebook habe ich mein Verhalten radikal geändert.“ | Untergrund-Blättle

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„Nach zehn Jahren Facebook habe ich mein Verhalten radikal geändert.“ Digitale Selbstbestimmung

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Die Angst, für einen Post peinlich wenige Likes zu bekommen, den falschen Filter bei Instagram zu wählen oder keine Rückmeldung zu einer Freundschaftsanfrage zu bekommen: Das Leben der Digital Natives, der ersten Generation, die mit Social Media aufwuchs, ist geprägt von diesen Sorgen.

FacebookDatacenter in Luleå, Schweden.
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Bild: Facebook-Datacenter in Luleå, Schweden. / Mike Mozart (CC BY 2.0 cropped)

9. Mai 2018

9. Mai. 2018

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Die Autorin Victoria Martínez nutzt Facebook seit ihrer frühesten Jugend in Mexiko, das Netzwerk hat ihr Leben geprägt – bis es an der Zeit war, aufzuräumen und aufzuhören. Ein Plädoyer für digitale Selbstbestimmung:

Wir schreiben das Jahr 2007. Die grösste Stadt des südlichen Nachbarlandes der Vereinigten Staaten. Wir hatten von dieser neuen Website gehört, die es dir erlaubte, eine eigene Identität in einem virtuellen Raum zu erschaffen. Sich mit Freunden verbinden, neue Leute online Treffen, sollte dort angeblich einfach und unterhaltsam sein. Klingt aufregend, dachten wir. Mit zwölf Jahren schien die Möglichkeit, mit nur einem Klick Kontakt zu anderen Menschen und Orten durch die Linse eines Bildschirms zu haben, ein faszinierender Schritt zu sein. Besser als sich in der Familie abzuwechseln, um den PC für Online-Spiele oder Musikdownloads zu verwenden. Ich öffnete eine Webseite und las oben „Facebook“. Ich tippte meinen Namen ein und wurde automatisch zu vielen weiteren leeren Quadraten geführt, um meine Daten einzutragen. Schien sehr einfach, ergreifend sogar.

Geburtsdatum, Ort, Hobbys, sexuelle Vorlieben, Musikgeschmack, enge Freunde, Verwandte, Reisen. Einfach alles, was einem über die eigene Vergangenheit einfiel und was relevant für den Aufbau einer zusammenhängenden Gegenwart und einer idealen Zukunft zu sein schien. Ich füllte alles sorgfältig aus und stellte sicher, dass meine „Online-Persona“ wirklich derjenigen ähnelte, die die Antworten eintippte. Was ich nicht wusste: Diese Online-Person würde viel später selbst eine Art Haltung einnehmen. Beim Erstellen meines Amateurprofils stellte ich fest, dass die in Kategorien unterteilten Facebook-Textblöcke mir dabei halfen, einige meiner persönlichen Vorlieben zu definieren und einige meiner individuellen Merkmale zu entdecken, da ich sie nie zuvor irgendwo explizit angeben musste. Ganz zu schweigen davon, sie öffentlich auszustellen.

Die letzte Prä-Facebook-Generation

Such ein Foto aus, klicke auf „akzeptieren“. Fertig. Mit diesem Klick wurde ein weiteres „Ich“ im Internet geboren. Es ist nun zehn Jahre her, dass die Online-Victoria sowie die echte, anfingen, aktiv am Prozess des „sozialen Netzwerkens“ teilzunehmen. Seither laufe ich mit einem virtuellen Echo herum. Manchmal gebe ich den Weg vor, manchmal folge ich einfach nur. Es ist der Pfad der so genannten „Millennial“.

Als ein 19-jähriger Student namens Mark Zuckerberg an der Harvard University 2004 Facebook entwickelte, wusste er kaum, dass seine Generation der Wendepunkt in der globalisierten Welt werden würde – er gehörte der letzten Generation an, die ohne soziale Netzwerke aufwuchsen. Er konnte nicht wissen, dass seine Erfindung einen Wendepunkt markieren würde, die menschliche Interaktionen und die soziale Struktur, in der sie erschaffen, gepflegt und performt werden, neu definieren würde. Um diesen weitreichenden „Sprung“ zu kontextualisieren, will ich kurz ein paar Schritte zurückgehen. Anhand der ersten Nachrichten, die je im Netz verschickt wurden, will ich zeigen, wie die erste „Sozialisierung“ im Internet ablief.

Diese Nachrichten zeigen den menschlichen Eifer, ständig neue Wege zur Verbesserung der Kommunikation zu entwickeln. Technologie ist dabei das Werkzeug der Wahl, um Artikulationen zu „optimieren“. Leichter, schneller, ohne Schweiss. Die Versendung dieser E-Mail fand 1971 statt. Ein Jahrzehnt, in dem das Internet begann, seine potentiellen Ressourcen zu aktivieren und gleichzeitig seine nützlichen Ressourcen zu testen. Jene Leute, die Zugang dazu hatten, fingen gerade an, sich mit den Funktionsweisen. Die Aktivitäten in dieser virtuellen Welt beschränkten sich auf den Austausch von Nachrichten oder Posts. Bereitgestellt wurden diese Funktionen vom BBS 3 (Bulletin Board System) und vom Usenet. Alles fand in den Vereinigten Staaten statt und mit sehr begrenzten Interfaces, da die Kapazität für den Datenaustausch immer noch sehr gering war.

Soziale Netzwerke: Die ersten Versuche

Im darauffolgenden Jahrzehnt, den 1980ern, kam es zu einer Zunahme von Computern, die mit dem Internet verbunden waren (bis zu 30000). Ausserdem wurde der erste Echtzeit-Chat mit dem Namen „Internet Relay Chat“ ins Leben gerufen. Heute kennen wir diese Art von Instant Messaging von Anwendungen wie WhatsApp oder Telegram. In dieser Zeit begannen entschlossene Gruppen von Menschen, die aus Kontakten von E-Mail-Diskussionslisten, Gruppenchats, Multiplayer-Spielen oder wissenschaftlichen Gruppen stammten, die ersten Beispiele für das, was wir heute als „Online-Gemeinschaften“ kennen, zu erschaffen.

In den neunziger Jahren, waren diese Gemeinschaften dann nicht mehr lose im Netz verstreut, sondern fingen an, sich zu zu homogenen Gruppen von Menschen zu konsolidieren, die bestimmte Hobbys, Berufe, das Alter oder die ethnische Zugehörigkeit teilten. Einige Beispiele sind „AsianAvenue“, das 1997 gegründet wurde, um die asiatisch-amerikanische Community miteinander zu vernetzen, „Black Planet“ für Afro-Amerikaner zwei Jahre später und MiGente für Hispano-Gemeinschaften im Jahr 2000.

Zur selben Zeit entstand eine Seite mit dem Namen SixDegrees.com. Sie vertrat die These, dass alle Erdbewohner, nur sechs Verwandtschaftsgrade voneinander entfernt sind. Die Hoffnung: Diese Lücken schliessen. Zwischenzeitlich ging AOL an den Start. Ein Internet vor dem Internet. Und vielleicht die erste Stufe zu dem, was wir heute als soziale Netzwerke betrachten, wenn man bedenkt, dass BenutzerInnen ein Profil für sich selbst erstellen und eine Mini-Biographie anlegen konnten.

Mit der Weiterentwicklung des Webs und den verfügbaren technologischen Hilfsmitteln, entstanden die ersten sozialen Netzwerke. Die gleichen Ideen verbanden sie: Das Erstellen eines Benutzerprofils, das Teilen einer kurzen Biographie, das Austauschen von Kurznachrichten und vor allem die Möglichkeit, sich mit anderen Personen zu verbinden und Leute mit gleichen Interessen finden. Zu diesen Websites gehörten Friendster (2002), LinkedIn (2003), MySpace (2003) und Hi5 (2004).

Alles wird besser: Facebook kommt zur Welt

Etwas später im Jahr 2004 wurde die allumfassende, verbesserte und polierte Version dieser Websites konzipiert: Facebook. Wir sind zurück auf dem Campus von Harvard, wo Zuckerberg, eine spielerische Website für seine Kollegen entwickelt, die es ihnen ermöglicht, verschiedene „Profilfotos“ auszutauschen, um nur soziale Unterhaltung zu erleben. Angesichts des grossen Erfolgs, den es unter seinen Kommilitonen hatte, wurde er aufgefordert, eine anspruchsvollere Version zu entwickeln, die sich langsam aber sicher in den Kreisen von Jugendlichen verbreitete.

Daraufhin entwickelte er eine Webseite (am Anfang ausschliesslich für Studenten), bei der die Nutzer an einer virtuellen Plattform teilnehmen konnten. Hier standen nicht zufällige Gemeinschaften im Vordergrund, sondern die Basis war ein ausgeklügelter sozialer Apparat mit einer Reihe von Regeln, Hierarchien und Praktiken. Nur 24 Stunden später hatte die Seite mehr als 1200 registrierte Benutzer. Zwei Jahre später gab es bis zu 30 Millionen, heute sind es zwei Milliarden Nutzer.

November 2007, wir sind zurück in meiner Pubertät in Mexico City. Ich beschloss, mir einen Facebookaccount anzulegen. Aber was ich nicht geahnt hatte, welch wichtige Rolle das Netzwerk in meinem Leben in den nächsten zehn Jahren einnehmen würde (und wer weiss wie lange noch). Was ich nicht vorhersehen konnte, war die Art und Weise, wie sich mein soziales Leben in meiner Jugend um meine virtuelle Präsenz drehen würde. Alles passierte auf Facebook, mein „Erfolg“ als Teenager, mein Vorankommen war untrennbar verbunden mit der Seite.

Die ersten Wochen auf Facebook waren eher langweilig. Es gab nur ein paar Bekannte, die sich auch in die virtuelle Gemeinschaft gewagt hatten. Das Aufregendste waren Statusbilder, lustige Fotos etc. Man konnte hoch und runter scrollen. Einige Monate später begannen die Leute, die ich kannte, einschliesslich Freunde und Verwandte, nach und nach auf Facebook mit ihrem brandneuen Profil, mit ihrer Lieblingsmusik, den zuletzt besuchten Orten, ein paar süssen Fotos und ein paar zusätzlichen Freunden zu erscheinen.

Bald darauf veränderte sich die Facebook-Sozialisierung. Mein Netzwerk bestand nicht mehr nur aus Leuten, die ich kannte. Ich fing an, mich mit Leuten anzufreunden, die ich gerne kennen würde und umgekehrt. Alles abhängig von den Angaben auf meinem und deren Profil. Zwei Jahre später kam der „Gefällt mir“ -Button und mit ihm der Eifer, „gemocht“ zu werden und auch die Problematik des“Nicht-Gefallens“. Das erzeugte ein Gefühl der Macht. Plötzlich konnte man öffentlich auf die Aktivitäten von Freunden reagieren, ganz aktiv und doch irgendwie passiv. Plötzlich hatte ich viele (Facebook)Freunde. Leute, von denen ich gerade gehört hatte, Gleichgesinnte, die ich nur einmal gesehen hatte, oder einfach Menschen, denen es ausreichte, das wir die gleichen Interessen hatten und die mich als Freunde hinzufügten in der Hoffnung auf positive Bescheidung ihrer Anfrage. Wer weiss, vielleicht würden wir sogar im echten Leben Freunde werden.

Facebook wird Lebensinhalt

Auf Facebook zu sein, ist kein zufälliges Hobby mehr. Es wird zu einem Laster, zu dessen Gunsten reale Erfahrung vernachlässigt werden. Alles in dem Glauben, dass man die synthetische Version der Realität auf sinnvolle Weise füttert. Der Wechsel zu Twitter und Instagram fühlte sich ganz natürlich an. Es bedeutete eigentlich nur, dem Online-Charakter ein paar neue Ecken und Kanten hinzuzufügen. Es bedeutete nicht mehr, wie bei der „Eroberung“ von Facebook, sich neue Territorien zu erschliessen.

Für Twitter bedeutete das, dass jede Idee auf 140 Zeichen reduziert wurde und ein einprägsames Wordplay als Hashtag her musste. Auf Instagram war die Wahl des richtigen Filters für ein gutes Foto entscheidend und die Darstellung von Live-Events, nur ein bisschen kreativer und „künstlerischer“. Im Laufe der Jahre begann sich die Nutzung der sozialen Netzwerke zu wandeln. Was einst zwangloses Entertainment war, mutierte zu einer Sucht nach „Verdummung“. Und wir alle waren verrückt danach, uns in die berechneten Räume des exponierten Voyeurismus zu bewegen.

Mit der Verbreitung von E-Commerce kam die Werbung in jede Ecke der Online-Plattformen. Die Social Networks verwandelten sich in Shopping Malls und jede Bewegung wurde von Algorithmen registriert, die Werbung platzierten. Im Zuge dessen wurden unsere „Online-Personas“ selbst zu Marken, zu einem Gut, das sich monetarisieren lässt.

Mir wurde klar, dass meine Klicks und Schritte im Web Komplizen dieses Systems waren. Im Netz sein, hiess plötzlich: Politisch sein. Es kam der Moment, in dem es an der Zeit war, mit dem Löschen anzufangen. Alles Überflüssige musste weg. Das gottverdammte Facebook blieb natürlich. Aber auch hier: Absolute Enthaltsamkeit. Nur sinnvolle Interaktionen und wirklicher Austausch. Dadurch wie ich Facebook benutze, erlange ich für mich und meine Freunde ein Mindestmass an Selbstbestimmung. Auf diese Weise wurde ich vom passiven Mitläufer, zu jemanden, der seine digitale Realität ganz bewusst erlebt und prägt. Darin sehe ich die einzige Chance, die Idee der sozialen Netzwerke noch zu retten.

Victoria Martínez
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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