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Tristram Hunt: Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand. Zwischen Bohème und Revolution

Sachliteratur

Eine gut geschriebene Biografie, die Einblicke in das widersprüchliche Leben eines Fabrikanten und Sozialisten gibt.

Friedrich Engels im Alter von 25 Jahren (1845).
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Bild: Friedrich Engels im Alter von 25 Jahren (1845). / GillyBerlinUnknown (PD)

19. Dezember 2017

19. Dez. 2017

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Friedrich Engels, der einen „Hälfte der wohl berühmtesten ideologischen Partnerschaft der Geschichte“ (S. 8), wird gemeinhin kein gutes Zeugnis ausgestellt: Während Marx gegenwärtig wieder eine erstaunliche Renaissance bis weit hinein ins bürgerliche Spektrum erreicht, ist es still um seinen wohl einzigen richtigen Freund:

„Denn während Marx’ Aktie stieg, fiel diejenige von Engels. Es wurde Mode, Marx und Engels voneinander zu trennen und den einen als ethisch und humanistisch zu ehren, während man den anderen als Mann des Apparats und wissenschaftsgläubig abtat und ihm vorwarf, die Staatsverbrechen der kommunistischen Regime in Russland, China und Südostasien legitimiert zu haben.“ (S. 13)

Der britische Historiker Tristram Hunt fordert dagegen wie im Falle Marxens, so auch gegenüber dessen „ständige[m] Begleiter und Gefährte[n] in der Propaganda“ (Annenkow, zit. n. S. 184) eine unvoreingenommene Auseinandersetzung ein. Anschaulich und mitfühlend wird dessen Biographie erzählt: Von der Emanzipation vom Vater hin zum revolutionären Draufgänger im Umfeld der 1848er-Revolution; vom Atheisten zum Kommunisten und Anhänger des „historischen Materialismus“; vom Exilant zum reichen Fabrikanten und von da zum revolutionären Pensionär. Alles überwölbt vom unbedingten Lebensinhalt: Seinem Freund und Genossen Marx ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen, damit dieser sich seiner wissenschaftlichen Arbeit widmen konnte.

Ein Leben im Widerspruch

Es mag kein „richtiges Leben im falschen“ geben (Adorno 2003, S. 43), dennoch bietet Engels – und diesen Punkt stellt Hunt nicht zu Unrecht in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen – ein erstaunliches Beispiel für ein Leben im Widerspruch. Eine „Dunstwolke der Täuschung“ habe „Engels’ mittlere Jahrzehnte“ umgeben, führte er doch ein „regelrechtes Doppelleben: tagsüber als Dr. Jekyll, der angesehene Baumwollkaufmann, und nachts als Mr. Hyde, der revolutionäre Sozialist“ (S. 272).

Wenngleich Engels allem Anschein nach nicht allzu sehr an seinem bourgeoisen Dasein zu knabbern hatte, war auch hier einmal das Mass voll:

„Als er in den Norden Englands ging, tauschte Engels sein von Emigrantenradikalismus und politischen Machenschaften geprägtes Lieblingsmilieu ein gegen das respektable Leben eines mittelviktorianischen Bourgeois. Dies war das Auge des Sturms und die eigentliche Crux: seine beiden, diametral entgegengesetzten Leben, das öffentliche und das private, miteinander in Einklang zu bringen und den ständigen Rollenwechsel vom ausbeuterischen Baumwoll-Lord zum revolutionären Sozialisten, vom wohlsituierten Bürger im Gehrock zum leidenschaftlichen Verfechter des einfachen Lebens und umgekehrt zu bewerkstelligen. (…) Wie sich zeigte, war dieser Widerspruch zwischen öffentlichen Verpflichtungen und persönlichen Überzeugungen auf Dauer nicht zu ertragen, und Engels verfiel zunehmend in Krankheit und Depression, bis er schliesslich zusammenbrach.“ (S. 242f)

Engels’ Bedeutung für Marx

Immer wieder betont Hunt die Bedeutung, die Engels für Marx hatte. Zum Einen, was unstrittig sein dürfte, in materieller Hinsicht:

„Karl und Jenny Marx war es weit mehr als dem Bohemien Engels wichtig, den äusseren Anschein aufrechtzuerhalten, ihre Töchter gut zu verheiraten und ihre Stellung in der Gesellschaft zu wahren, kurz, Bourgeois zu sein. (…) Der prophetische Philosoph Marx dachte gar nicht daran, sich mit einer Arbeit, mit der er seine Familie ernähren konnte, die Hände schmutzig zu machen. Also musste Engels sich an die Tretmühle der Büroarbeit fesseln, um den anspruchsvollen Lebensstil der Familie Marx zu sichern. Deshalb wäre es falsch, Marx als Fleisch gewordenen Wilkins Micawber zu betrachten, der verzweifelt darauf hoffte, dass sich irgendetwas ergeben würde, denn er wusste dank Engels stets, dass dies der Fall sein würde.“ (S. 260, Herv. i.O.)

Engels habe so „der Familie Marx regelmässig über die Hälfte seiner Jahreseinkünfte zukommen“ lassen (S. 258). Und Hunt erinnert:

„Man darf freilich nicht vergessen, dass die Mittel, die Marx während des langen Reifungsprozesses des Kapitals das Überleben sicherten und es ihm ermöglichten, solche vernichtenden Sätze [über das Leiden des Proletariats] niederzuschreiben, letztlich aus eben dieser ausgebeuteten Arbeitskraft kamen – den Fabrikarbeitern von Ermen & Engels.“ (S. 317, Herv. i. O.)

Zum Anderen vertritt Hunt nachdrücklich die Auffassung, dass Engels auch in Fragen der Theorie für Marx wichtig war. Auf „gleicher Höhe“ habe er mit Marx gestanden (S. 269) – und Hunt hält fest: „Es gibt keinen Beweis dafür, dass Marx die populäre Darstellung des Marxismus durch Engels peinlich war oder irgendwie störte. Vielmehr war er die treibende Kraft hinter dem Anti-Dühring“ (S. 398, Herv. i. O.). Und so schliesst er: „Ob es einem nun gefällt oder nicht, das grosse theoretische System des Anti-Dühring gibt den authentischen, ausgereiften marxistischen Standpunkt wieder.“ (S. 399, Herv. i. O.) Engels erscheint bei Hunt – anders als in zahlreichen neueren Marx-Lektüren – nicht als Verfälscher, sondern als geschickter „PR-Mann“ (S. 317) des Marx’schen Unternehmens, der, um dem Marx’schen Kapital (Band 1, veröffentlicht 1867) zu Bekanntheit zu verhelfen auch „alle Register der modernen Medienmanipulation und der Literaturvermarktung“ (S. 318, Herv. i.O.) einzusetzen verstand. Dennoch:

„Der Marxismus als politische Massenbewegung begann nicht mit dem Kapital oder der unglückseligen Ersten Internationale, sondern mit Engels’ umfangreichen Pamphleten und Propaganda-Aktivitäten der 1880er Jahre. Sein grosses Geschenk an den verstorbenen Freund bestand darin, dass er den Marxismus in eine der überzeugendsten und einflussreichsten politischen Philosophien der Geschichte verwandelte. Er tat es in Marx’ Namen und mit Marx’ Segen, denn er blieb der Ideologie treu, die sie beide gemeinsam entwickelt hatten.“ (S. 372, Herv. i. O.)

Und noch im „Tode des Verfassers des Kapitals wie zu dessen Lebzeiten erfüllte Engels seine Rolle als Marx’ Bulldogge und schützte das politische Vermächtnis seines Freundes mit allen Mitteln“ (S. 370, Herv. i. O.).

Stilfragen und revolutionäre Rivalitäten

Das Dasein als Fabrikant bildete nach Hunt „Engels’ Achillesferse“ (S. 391), die ihn angreifbar machte. Aber was wohl noch viel empörender für die zeitgenössischen SozialistInnen war, war der Stil, mit dem sowohl Marx als auch Engels ihre Auseinandersetzungen innerhalb des sozialistischen Lagers führten. Auch Hunt weist immer wieder darauf hin, dass zum Beispiel „Marx und Engels ideologische Rivalen stets mit Feuereifer bekämpften“ (S. 184). Und an einer Stelle erfährt man gar:

„In den fünf Punkten dieses erschreckenden Rundschreibens [„Zirkular gegen Kriege“ 1846] sind all die Ausschlüsse, Denunziationen und politischen Säuberungen, welche die Geschichte der Parteien der Linken in den nachfolgenden 150 Jahren mit sich bringen sollte, auf exemplarische Weise vorweggenommen. Und Engels gehörte auf diesem Gebiet von Anfang an zur Vorhut; Jahrzehntelang drückte er seine Zuneigung und Treue zu Marx aus, indem er es sich zur Aufgabe machte, die Parteidisziplin durchzusetzen, ideologische Abweichler zu verfolgen und generell den ‚Grossinquisitor’ zu spielen, der über den wahren kommunistischen Glauben wacht.“ (S. 185f)

Manchmal kommt alles aber auch ein wenig verharmlosend daher, wenn von „seiner und Marx’ Lieblingsbeschäftigung“ gesprochen wird, „der ideologischen Rauferei“ (S. 390). Denn auch schon zu Engels’ Lebzeit war nicht alles rosig und Spiel. Es ist erstaunlich, dass Hunt die Auseinandersetzungen in der Internationalen Arbeiter-Assoziation, in denen dies offenbar wurde, deutlich herunterkocht, obwohl Engels selbst diese für die wichtigsten ihrer Laufbahn erklärt hatte, nicht gebührend erörtert. Und es erstaunt weiter, dass ein Historiker, der die Ambivalenz von Engels festhält – oft dabei zwar etwas freundlich verklärt – gerade hier in die klassischsten Pauschalurteile verfällt. So, dass Bakunins Ziel „stets darin“ bestanden hätte, „die Internationale Arbeiter-Assoziation zu unterwandern“ (S. 340).

Exemplarisch zeigt sich an solchen Stellen, wie wenig anarchistische Forschungen zur Internationalen Arbeiter-Assoziation von der etablierten akademischen Forschung rezipiert werden und ein eher durch Marx gezeichnetes Bild bis in diesen Bereich vorherrschend ist. Dass bisweilen ein etwas zu freundliches Portrait von Engels gezeichnet wird, zeigt auch Hunts Darstellung von dessen Wirken in der Zweiten Internationale, wo er als eine Art Vorkämpfer für Meinungspluralismus vorgestellt wird. Dass er aber vehement gegen die Oppositionellen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, wie den späteren Johann Most oder die Gruppe der „Jungen“ – sämtlich Akteure, die eine sozialrevolutionäre Strategie befürworteten – ausgesprochen und deren Ausschlüsse unterstützt hat, bleibt unerwähnt.

Fazit

Hunts Buch ist eine mit Sympathie geschriebene Biografie und vermag anschaulich das Leben Engels’ und damit auch Marx’ beleuchten. Es pocht zu Recht, wie im Fall der Diskussion des „Anti-Dührings“, auf die Bedeutung von Engels und auch darauf, dass Marx seine Stimme nicht gegen die Arbeiten seines Freundes erhoben hat, sie bekanntlich nicht als Verfälschung, sondern vielmehr als „Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus“ (MEW 19, S. 185) dem Publikum vorgestellt hat. Sicher, die Auseinandersetzungen darüber, ob Marx und Engels das gleiche dachten, methodisch ähnlich argumentierten und so weiter werden zu Recht weitergehen, aber sie sollten die Gemeinsamkeiten beider in den konkreten politischen Interventionen berücksichtigen und damit auch die Frage nach deren Ursachen.

Ungeachtet dessen weist Hunt auf viele auch überraschende Positionen von Engels hin, wie zum Beispiel seine Positionsveränderungen in Fragen antikolonialer Kämpfe – früher hatte er „geschichtslosen Völkern“ den verdienten Untergang prophezeit, später mit seinen kritischen Stellungnahmen den Weg zu der „marxistischen Vision eines vom Proletariat angeführten antikolonialen Befreiungskampfs, die im 20. Jahrhundert eine derartige Wirkung entfalten sollte“ geebnet (S. 302); oder seine Begeisterung über den Dockarbeiterstreik von 1889, wo der „Bodensatz des Proletariats“ (Engels, zit. n. S. 441) seine Fähigkeit zum Arbeitskampf unter Beweis gestellt habe. Die verhängnisvolle Rolle aber, welche Engels und Marx für die weitere Geschichte der Arbeiterbewegung besassen, wird nicht gebührend reflektiert.

Philippe Kellermann / kritisch-lesen.de

Tristram Hunt: Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand. Ullstein, Berlin 2012. 576 Seiten. ca. SFr 29.00, ISBN 9783549073780

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