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Thomas Sankara: Die Ideen sterben nicht! | Untergrund-Blättle

Datum

23. Mai 2017, 08:49 Uhr

Buchrezensionen

Thomas Sankara: Die Ideen sterben nicht! Die Stimme einer unvollendeten Revolution

Sachliteratur

Die Reden des Revolutionärsführers Burkina Fasos, Thomas Sankara, sind erstmals auf Deutsch erschienen.

Transparent des Revolutionärsführer Thomas Sankara in Ouagadougou, Burkina Faso.
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Bild: Transparent des Revolutionärsführer Thomas Sankara in Ouagadougou, Burkina Faso. / Sputniktilt (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

23. Mai 2017

23. Mai. 2017

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Kurz vor dem 30. Jahrestag der Ermordung Thomas Sankaras am 15. Oktober 2017 sind erstmals 17 seiner ausserordentlich wortgewandt, teils humoristisch vorgetragenen Reden und sein letztes bekanntes Interview in deutscher Sprache erschienen. Sankara ist der Kopf einer panafrikanischen und sozialistischen Bewegung, die am 4. August 1983 mit einem Militärputsch die Regierung in der ehemaligen französischen Kolonie Obervolta übernimmt. Im Anschluss daran initiiert der zum damaligen Zeitpunkt erst 33-jährige Hauptmann Sankara, dessen rotes Barett und Militäruniform zu seinen Markenzeichen werden, in dem kleinen westafrikanischen Land, das wirtschaftlich eines der ärmsten der Welt ist, eine grundlegende „wirtschaftliche, soziale und kulturelle Transformation der Gesellschaft“ (S. 57). Im Zuge dessen wird – am ersten Jahrestag der Revolution 1984 – auch aus Obervolta „das Land der aufrechten Menschen“ (S. 10), Burkina Faso, und Sankara dessen erster Präsident. Das Buch ist, gleichermassen politisch anspruchsvoll und ästhetisch ansprechend, eine posthume Ehrung des Che Guevara Afrikas.

Mit Ausnahme einer Rede, die der Revolutionsführer kurz vor dem Umsturz hält, stammen alle im Band dokumentierten Reden aus der vierjährigen Periode des Aufbruchs. Ihnen ist einleitend eine stark komprimierte Biographie und ein kurzer Essay über Sankaras Rolle als „Vorreiter aktueller Kämpfe“ des französischen Sankara-Biographen Bruno Jaffré vorangestellt. Jaffré und die deutschen HerausgeberInnen interpretieren den Sturz des burkinischen Diktators Blaise Compaoré – einst als zweiter Mann im Staat Verbündeter Sankaras, dann dessen Widersacher und schliesslich beteiligt an dessen Ermordung – im Herbst 2014 als eine Folge der politischen Renaissance sankarischer Ideen.

Vor jedem Redemanuskript skizziert Jaffré zudem auf einer Seite die historische Konstellation, in der Sankara die jeweils nachfolgend abgedruckten Worte spricht. Schliesslich hat Jaffré auch das Schlusswort beigesteuert. In seinem Aufsatz „Was wissen wir über die Ermordung von Thomas Sankara?“ vertritt der Autor die plausible Hypothese eines internationalen Komplotts mit dem Ziel, Sankara umbringen zu lassen. An diesem sollen die USA, Frankreich und mehrere afrikanische Staaten beteiligt gewesen sein. Diese wissenschaftlich-politischen Erläuterungen erleichtern die Lektüre ungemein, insbesondere wenn die Vorkenntnisse der LeserInnen begrenzt sind.

Endstation Bolibana

Bereits in der prärevolutionären Etappe, als Obervolta von heftigen Auseinandersetzungen und mehreren Staatsstreichen erschüttert wird, zeigt sich Sankaras scharfsinnige Beobachtungsgabe und seine politisch-ideelle Bildung. Die Einflüsse der Dependenztheorie, der Weltsystemanalyse und des maoistischen Marxismus sind unverkennbar. In der Rede „Wer sind die Feinde des Volkes?“ analysiert Sankara die politisch-ökonomischen Kräfteverhältnisse mit Blick auf eine progressive Entwicklung sorgsam. Er macht die herrschenden Klassen innerhalb und ausserhalb Obervoltas für die miserable Lage im Land verantwortlich. „Die Feinde im Inneren […] sind all jene, die sich auf unlautbare Weise bereichert haben, indem sie von ihrem sozialen, von ihrem bürokratischen Status profitiert haben“ (S. 23) – die obervoltaische Bourgeoisie und „die traditionellen, feudalen Strukturen der Gesellschaft“ (S. 50). Sankara denunziert Seilschaften, Korruption, Bestechung, Betrug, Klientelismus auf der Basis von Traditionalismus und Spiritualismus der einheimischen PolitikerInnen rücksichtslos.

Auf diese „Verräter“ (S. 24) stützten sich die Feinde ausserhalb des Landes: „der Neokolonialismus und der Imperialismus“ (ebd.), den vor allem die Staatsapparate und Konzerne Frankreichs und der USA verkörpern. Diese doppelte Frontstellung gegenüber inneren und äusseren GegnerInnen wird bis zum Ende eine zentrale Figur in Sankaras Diskurs bleiben. Im Jahr 1983 ist er aber zuversichtlich, die Ausplünderung Obervoltas beenden zu können. Ouagadougou, die obervoltaische und spätere burkinische Hauptstadt, werde „das Bolibana des Imperialismus, also das Ende seines Eroberungszugs“ (S. 25) sein.

Die demokratische Volksrevolution

Vorübergehend sieht es auch so aus, als ob Sankara Recht behalten könnte. Anfang Oktober 1983, zwei Monate nach der erfolgreichen Regierungsübernahme, kann er in Ouagadougou die „Rede zum politischen Kurs“ (S. 40f.) halten. Sankara bezeichnet sie später als „unser Manifest“ (S. 233). Er betont die historische Bedeutung der „Augustrevolution“ (S. 52). Für die neue Regierung steht sie in einer Linie mit dem Kampf für die Dekolonisation des Landes, die Frankreich 1960 gewährte, die aber bislang nichts anderes als „eine Neujustierung der Herrschaft und dessen Ausbeutung“ (S. 44) sei.

Der Umbruch unter Sankaras Führung geht darüber hinaus. Er sei „zum einen eine demokratische Revolution und zum anderen eine Revolution des Volkes“ (S. 52), wobei Sankara in der Tradition des traditionellen Marxismus das „Volk“ ausdrücklich als klassentheoretischen Sammelbegriff versteht. In Burkina Faso setze es sich aus der kleinen Arbeiterklasse, dem Kleinbürgertum, den Bauern und dem Lumpenproletariat zusammen. Die demokratische Volksrevolution, so konstatiert Sankara realistisch, „ist antiimperialistisch, vollzieht sich aber noch in den Grenzen des bürgerlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems“ (S. 53), das heisst sie ist (noch) keine sozialistische oder kommunistische.

„In Burkina produzieren und konsumieren“ – eine unabhängige Wirtschaft

Nichtsdestotrotz reicht das Programm des revolutionären Burkina Fasos aus, um das Blut seiner WidersacherInnen im Land ebenso wie in Paris und Washington in Wallung zu bringen. Kein Stein sollte auf dem anderen bleiben.

Die „sozioökonomische Basis der obervoltaischen Gesellschaft“ (S. 59) werde in Frage gestellt, um dem Volk „schrittweise eine effektive Kontrolle von Produktion und Verteilung“ (S. 65) zu ermöglichen und die Menschen zu ernähren. „Denn ohne echte Kontrolle der Wirtschaftskreisläufe ist es praktisch unmöglich, eine unabhängige Wirtschaft des Volkes aufzubauen“ (ebd.). In seinem Statement beim 25. Gipfel der Organisation Afrikanischer Einheit am 29. Juli 1987, der vielleicht bekanntesten Rede Sankaras, ruft das burkinische Staatsoberhaupt seine Kollegen daher auch leidenschaftlich dazu auf, die Verbindungen zum Weltmarkt auf das Nötigste zu reduzieren: Lasst uns „in Afrika produzieren, in Afrika verarbeiten, in Afrika verbrauchen“ (S. 216).

Dazu sei es aber nötig, die Rückzahlung der Auslandsschulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank einzustellen, die eine Folge des Kolonialismus und anschliessend zum „Mittel einer geschickt organisierten Rekolonisierung Afrikas“ (S. 212) seien. Auch die subtileren, hinterlistigeren Methoden der Fremdbestimmung, wie zum Beispiel die Entwicklungshilfe beziehungsweise -zusammenarbeit und die mit ihnen transportierten Entwicklungsmodelle, gelte es zurückzuweisen, wie Sankara in seinem Referat zum dritten Jubiläum der Revolution am 4. August 1986 ausführt.

Dies bedeute auch, dass die einheimischen Eliten zu ihrem grossen Ärgernis auf einen Teil ihres Luxus’ zum Wohle aller verzichten müssten. Sankara geht mit gutem Beispiel voran. Die „Erklärung zu meinen Eigentumsverhältnissen vor der Volkskommission zur Vorbeugung von Korruption“ vom 19. Februar 1987 zeigt, dass Sankara „zweifellos einer der ärmsten Präsidenten der Welt“ (S. 172) ist. Ähnlich wie der ehemalige uruguayische Präsident, Ex-Tupamaro Pepe Mujica, im neuen Jahrtausend verzichtet Sankara zum Beispiel auf eine schmucke Dienstkarosse. Statt eines Rollers, den Mujica bevorzugt, fährt Sankara im Renault 5 zum Präsidentenpalast.

Befreiung der Frau, Naturschutz und antiimperialistischer Internationalismus

Im neuen Burkina Faso ist die Befreiung der Frau von Beginn an „eine Hauptachse des Kampfes“ (S. 193). In Sankaras vergleichsweise ausführlichen Ansprache zum Internationalen Frauentag am 8. März 1987 konstatiert er, dass die Kulturrevolution, die „die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau tiefgreifend ändert“ (S. 178), zwar „noch unzureichend“ (S. 195) sei. Aber die Massnahmen der Regierung, wie etwa das Verbot der Beschneidung und von Zwangsehen, die Gründung von Frauenorganisationen, Alphabetisierungsprogramme speziell für Frauen usw., hätten „ein Stück des Weges geebnet“ (ebd.). Deshalb könne sich sein Land „als Vorreiter im Kampf um die Befreiung der Frau bezeichnen“ (ebd.), jedoch „bei Weitem noch nicht mit sich zufrieden sein“ (S. 196).

In seinen knappen Ausführungen zur Umweltkonferenz SYLVA am 5.-7. Februar 1986 in Paris legt Sankara ferner prägnant dar, dass es das Ziel seiner Regierung sei, „den Baum zu retten, die Umwelt und das Leben schlechthin“ (S. 113). Tatsächlich hat sie zahlreiche Schritte zur Wiederaufforstung, zur besseren Wasserversorgung, zum Schutz der Wälder und zur Eindämmung der Wüstenbildung unternommen. Sankara weiss aber auch, dass die massgeblichen ökologischen Zerstörungen auf das Konto der kapitalistischen Zentren gehen und dort gelöst werden müssen. Der „Kampf für Baum und Wald ist vor allem ein antiimperialistischer Kampf. Denn der Imperialismus ist der Pyromane unserer Wälder und Savannen“ (S. 115).

International setzt sich Sankara wiederholt für eine „neue Weltwirtschaftsordnung“ ein. Während seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 4. Oktober 1984 fordert er sie „im Namen all derer, die irgendwo leiden“ (S. 86) ein. Anschliessend lobt er die Oktoberrevolution von 1917, solidarisiert sich mit Kuba, „den Kameraden in Nicaragua“ (S. 88) und den „Kämpfern, Männern wie Frauen, dieses wunderbaren palästinensischen Volkes“ (S. 91). In einem berühmt gewordenen Zwiegespräch mit dem damaligen französischen Präsidenten François Mitterand und in seiner Ansprache beim Treffen der Blockfreien Staaten im Herbst 1986 prangert Sankara unverblümt und mutig das Apartheid-Regime Südafrikas und dessen Unterstützung durch Frankreich an. Die Burkinabè wollten, so Sankara vor den UN, „die Erben aller Revolutionen der Welt sein, aller Freiheitskämpfe der Völker der Dritten Welt“ (S. 89).

Die unvollendete Revolution

Doch die „Revolution à la Burkinabè“ (S. 244) blieb unvollendet, wie der ägyptische Weltsystemtheoretiker Samir Amin, ein Wegbegleiter Sankaras, rückblickend schreibt. Bereits in den beiden letzten im Band wiedergegebenen Redemanuskripten thematisiert Sankara die Widersprüche zwischen den Revolutionären. Er kritisiert politische Fehlentscheidungen seiner Regierung, räumt persönliche Fehler öffentlich ein, mahnt aber auch zur politischen Einheit auf Basis der „Rede zum politischen Kurs“ und antizipiert „die Konterrevolution“ (S. 225), die bereits in vollem Gange ist.

Sankara wird am 15. Oktober 1987 ermordet. Mit seinem Ableben werden die Uhren in Burkina Faso wieder auf die Zeit vor der Revolution zurückgestellt. Der Sturz des Diktators Blaise Compaoré, der Sankara nachfolgte und 27 Jahre an der Macht blieb, rechtfertigt möglicherweise nachträglich Sankaras Vertrauen in das Volk der Burkinabè, das in der Losung zum Ausdruck kam, mit der er jede seiner Reden schloss: „Vaterland oder Tod, wir werden siegen!“

Christian Stache / kritisch-lesen.de

AfricAvenir: Thomas Sankara - Die Ideen sterben nicht! Reden eines aufrechten und visionären Staatsmannes. AfricAvenir International, Berlin 2016. 268 Seiten, ca. 19.00 SFr. ISBN: 978-3-946741-00-8

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