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Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt?

Sachliteratur

Der Wirtschafsjournalist Hans-Jürgen Jakobs war von 1993 bis 2001 Redakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Hamburg Von 2001 bis 2006 er Leiter des Medienressorts der Süddeutschen Zeitung, bis 2010 Chefredakteur von der Online-Ausgabe der SZ.

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Bild: PEACE-Aktion in Frankfurt (Main). / Joachim Ackva (CC0 1.0 - PD

Ab 2011 war er Leiter der Wirtschaftsredaktion. Von dort ging Jakobs zum neoliberalen Handelsblatt, wo er zum 1. Januar 2013 die Chefredaktion übernahm. Seit Januar 2016 ist Jakobs Senior Editor der Wirtschaftszeitung in München. Zum Team für dieses Buch gehören neben Jakobs rund 30 Korrespondenten der bedeutendsten deutschen Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" sowie die Mitarbeiter des von Professor Bert Rürup geleiteten Handelsblatt-Research Institute.

In seinem Buch beantwortet Jakobs die Frage „Wem gehört die Welt? selbst: Er stellt im Portrait die 200 mächtigsten Akteure des Weltfinanzwesens vor, die zusammen mehr als 40 Billionen US-Dollar – das sind 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt oder fast das Dreifache der Wirtschaftsleistung der EU akkumulieren und damit die zentralen Felder der Weltwirtschaft kontrollieren. Er geht mit Recht davon aus, dass wirtschaftliche Macht auch politische Macht bedeutet. In einer Aufzählung, die eher einem Lexikon gleicht, werden alle 200 Personen und ihr Einfluss dokumentiert. In der letzten Zeit schlug schon ein Bericht von Oxfam hohe Wellen: Dort wird festgestellt, dass acht Männer mit einem Nettovermögen von mehr als 420 Milliarden so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Dass er und sein Team die Rolle des Primus in der Berichterstattung über die reichsten und mächtigsten Menschen der Welt beanspruchen („Doch wer sie wirklich sind und welche Ziele sie verfolgen, wusste bisher niemand.“), entspricht nicht der Wahrheit. Oxfam, sozialistische Bildungsinstitute und jeder zeitungslesende Mensch, der sich die Namen merkt und in Google oder in eine andere Suchmaschine eingibt, beschäftigen sich damit schon seit Jahren. Das Ziel von Jakobs liegt darin, Aufklärung über die „Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“ zu leisten, die erschreckend und bedrohlich daherkommen. „Denn die nächste grosse Krise wird vom ‚grauen‘ Kapitalmarkt und den ‚Schattenbanken‘ ausgehen, die in der Gier nach Renditen ungeregelt und ungezügelt wachsen.“ (S. 629ff) Die Lektüre wird mit über 50 Informationsgrafiken und Tabellen unterfüttert.

Auf den ersten 600 Seiten werden detailliert und sehr informationsreich 200 Entscheidungsträger in den verschiedensten Rahmungen (Familiendynastie, Hedgefondsgesellschaften, Fondsgesellschaften, Industrielenker u.v.m.) als Kurzportraits vorgestellt, die Jakobs in verschiedene Kategorien unterteilt. Dass darunter fast nur Männer zu finden sind, überrascht nicht. Zusammen besitzen sie mehr als 40 Billionen US Dollar - das sind 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Welt oder fast das Dreifache der Wirtschaftsleistung der EU. Darunter sind einige Personen, die eher nicht in der breiten Öffentlichkeit allzu bekannt sein dürften. Dabei werden auch die Vernetzung, Querverbindungen und die immensen Einflussmöglichkeiten der konkreten Personen allgemein verdeutlicht. Dabei geht es um ein ganzes System von Akkumulationen der Industrie, der Pensionsfonds, der realen und der Finanzwirtschaft, der gesamten Wirtschaft, die, was Entscheidungen angeht, immer mehr in immer weniger konkrete Hände gerät. Larry Fink von Blackrock verwaltet zum Beispiel 6 Billionen Dollar und ist dazu an allen wesentlichen Unternehmen der Welt wesentlich beteiligt.

Im Analyseteil plädiert Jakobs für stärkere Finanzmarktregeln, um die Reichsten und Mächtigsten besser zu kontrollieren. Am Ende wird es durch die Lektüre dieses voluminösen Buches klar, dass die Welt der „Schattenbanken“ weitgehend Märkte, Formen, Industriekomplexe und, vor allem, Geld in einer Art und Weise zur Verfügung haben, dass damit die Fragen nach der „Weltherrschaft“ beantwortet sind. Dazu tragen übersichtliche und verständliche Schaubilder bei, die die sich immer weiter öffnende Schere zwischen dem Besitzverhältnissen der reichsten Menschen und dem tatsächlichen BIP der Welt gegenüberstellt. Dass diese 200 nur auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung, die mit Dumpinglöhnen ausgebeutet werden, wird allerdings nicht explizit thematisiert.

Er berichtet von 80 Billionen Dollar an Vermögen in den „Schattenbanken“, die schlichtweg von den kollabierenden traditionellen Banken die finanzträchtigen Geschäftsfelder übernommen haben und dies weitgehend ohne Regulierungen vollziehen, wie es andere Banken zum Teil inzwischen auferlegt bekommen. Dass der erbitterte Konkurrenzkampf im Bankensektor immer mehr zu einer Konzentration einiger führt, ist erschreckend. Geldsummen, die dem Zugriff von Staaten weitgehend entzogen werden, verdeutlicht das ganze Ausmass der diktatorischen Möglichkeiten der reichsten Menschen dieser Erde.

Um diesem Wahnsinn entgegenzuwirken, gibt Jakobs keine einfachen Parolen von sich, wie es zu dieser Zeit üblich ist, sondern er geht mit Recht von komplexen Antworten aus. Er plädiert im Kern für eine neue „Kultur der Bescheidenheit“, die „globale Lösung von Steuerfragen“ und stellt die Frage nach einer Verteilungsgerechtigkeit, die durch politische Gesetze geregelt werden sollte.

Dabei stellt sich aber die Frage nach der Umsetzbarkeit. Wenn schon die reichsten Menschen der Welt mit ihrem Geld auch Macht in der Politik ausüben, dann werden sie es auch schaffen, entsprechende Gesetze auf nationaler und internationaler Ebene zu verhindern. Eine „Kultur der Bescheidenheit“ und nicht immer mehr Wachstum würde zu mehr Verteilungsgerechtigkeit führen, wenn es eine Mehrheit will. Moralische und ethische Standards werden aber wohl bei den Tycoonen zu nichts führen, sonst wären sie nicht dort, wo sie sind. Verteilungsgerechtigkeit durchzusetzen geht nur mit einem langen Atem, höchstmöglichem Druck auf die Multimilliardäre und ihre Handlanger, vielleicht auch mit einem Kaufboykott deren Produkte. Das wären die Möglichkeiten, die eine Bändigung des globalen Kapitalismus herbeiführen könnte. Am nachhaltigsten wäre die Ersetzung der kapitalistischen Wirtschaftsform durch andere Formen der Ökonomie, die allen Menschen und nicht nur einem Bruchteil nützt.

Das Buch ist auf hohem Niveau geschrieben und bietet sehr viel Hintergrundwissen, das jetzt ein breiteres Publikum erreichen wird. Die Grundgedanken, statistischen Belege und Verschachtelungen der einzelnen Firmen und Tycoone sehr verständlich dargelegt und bieten somit einen guten Blick auf die kritische Gesamtlage. Wer die Akteure der globalen Finanzwelt kennenlernen will, bekommt hier mit Detailschärfe beängstigende Informationen geliefert. Das Manko des Buches ist, dass es zwar viele glänzend recherchierte Fakten zu den einzelnen Wirtschaftsbossen gibt, aber (wissenschaftliche) Belege dafür fehlen. Dies hätte die Seriosität des Buches nochmals gesteigert.

Dass die 200 reichsten und mächtigsten Menschen der Welt zusammen mehr als 40 Billionen US-Dollar und damit 60 Prozent des Buttoinlandsprodukts der Welt oder fast das Dreifache der Wirtschaftsleistung der EU konzentrieren, macht Angst und wütend. Die blosse Bändigung des „Kapitalismus ohne Schranken, wie es hier Jakobs vorschlägt, bleibt auf halbem Wege stehen und löst das eigentliche Problem nicht, nämlich die Wirtschaftsform des Kapitalismus selbst. Nicht das System steckt in einer Krise, sondern das System ist die Krise selbst. Nur die radikale Demokratisierung der Wirtschaft weltweit kann für menschenwürdige Lebensbedingungen und Chancengleichheiten sorgen.

Michael Lausberg / scharf-links.de

Hans-Jürgen Jakobs und sein Team: Wem gehört die Welt? Die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus, Knaus Verlag, München 2016. 680 Seiten, ca. 41.00 SFr. ISBN 978-3813507362

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

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