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Christian Iber: Grundzüge der Marx’schen Kapitalismustheorie | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Christian Ibers Vorstellung vom ersten Band des Marx’schen ‚Kapital’ Kapitale Desorientierung

Sachliteratur

Christian Ibers Buch „Grundzüge der Marx’schen Kapitalismustheorie“ ist zwar schon vor 11 Jahren erschienen. Insofern die in ihm enthaltene problematische Denk- und Arbeitsweise bislang noch nicht Thema war[1] und über den Band hinaus von Interesse ist, nehme ich das Erscheinen der portugiesischen Übersetzung zum Anlass, auf Ibers Text zurückzukommen.

Blick in das Innere eines Brandtauchers.
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Bild: Blick in das Innere eines Brandtauchers. / Dr. Karl-Heinz Hochhaus (CC BY 3.0 unported - cropped)

16. März 2017

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Iber ist gegenwärtig an einer katholischen Bildungseinrichtung in Brasilien tätig. Zitatangaben ohne Seitenzahl beziehen sich auf seine Publikation.

Iber beansprucht, „die Stärken und auch die Defizite der Marxschen Theorie herauszuarbeiten. Was mich selbst betrifft, so bin ich durchaus an den produktiven Potentialen dieser Theorie interessiert. Denn eine kritische Theorie der Moderne muss durch die theoretischen Erfahrungen von Marx hindurchgegangen sein, der im Grund der einzige Kritiker des Kapitalismus ist“ (18).

Der Autor möchte im Gegensatz zur „Reduktion der Komplexität der Marxschen Theorie auf einfache Schlagworte … diese Komplexität vergegenwärtigen“ (Ebd.). Der „Marxschen Sachanalyse“ sei „zu folgen“ (13). Einerseits sei der Band als „eingehende Textinterpretation“ gedacht, andererseits „als Einführung in Marx’ Theorie“ (19). Iber sieht zudem „noch nicht wirklich entschlüsselte“ Inhalte wie die „Theorie vom Warenfetisch“ (Ebd., 21) und beansprucht, das seines Erachtens in der umfangreichen Debatte um Marx bislang ungelöste Problem zu lösen. Besonders wichtig ist Iber in Bezug auf Marx’ „Kapital“, dass „die formale Durchkomposition seines Hauptwerks“ „es mit den grossen Denkern der Tradition aufnehmen kann“ (11).

Eine Schlüsselszene, in der sich Ibers Umgang sowohl mit der „formalen Durchkomposition“ (11) der Theorie als auch mit der „systematischen, argumentativen Delegitimation der Herrschaft des Kapitals über die gesellschaftliche Reichtumsproduktion“ (20) zeigt, finden wir in seinen Ausführungen zum Thema des künstlichen Verschleisses (Obsoleszenz).[2] Iber stellt das Problem so vor: „Bei diesen Kritikern findet sich das Argument, dass der Kapitalismus absichtlich schlechte Produkte herstellt (z. B. Nylonstrümpfe, die zerreissen), ja dass er das Produzieren quasi vorsätzlich unterlässt. Statt die Produktivkräfte zu entwickeln, behindert er sie“ (226). Diese Stelle ist typisch für Ibers Jargon.

Als ob „der Kapitalismus“ ein Subjekt sei, das etwas „herstellt“ oder dies „unterlässt“. Zur Debatte um künstlichen Verschleiss meint Iber, sie „widerspricht auch den Fakten. Gerade der Kapitalismus – früher mit seiner Eisen- und Stahlindustrie, dann mit seiner Öl- und Autoindustrie, dem sog. Fordismus und schliesslich mit seiner Atomindustrie – gerade der Kapitalismus mit seiner unbedingten Förderung der Produktivkräfte soll ihre Erstickung, ihre Hemmung und Verhinderung darstellen?“ (226f.). Iber befasst sich nicht mit der von ihm angesprochenen Sache (künstlicher Verschleiss), sondern führt gegenteilige Phänomene an und folgert aus ihnen, dass infolge ihrer Existenz von einer Behinderung der Entwicklung der Produktivkräfte nicht die Rede sein könne. Dieser Gedanke setzt voraus, zwei entgegengesetzte Tendenzen könnten in ein und derselben Gesellschaft nicht existieren.

Für das Denken im Horizont von monolithischen Identitäten „existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: Ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein anderes sein“ (MEW 20, 21). Iber setzt künstlichen Verschleiss in undeutlicher Weise mit der Nichtentwicklung der Produktivkräfte gleich. In seiner Assoziationskette verschiebt sich das Thema. Er redet zunächst über künstlichen Verschleiss, dann über die Entwicklung oder Nichtentwicklung von Produktivkräften. Faktisch steht der künstliche Verschleiss in keiner notwendigen Verbindung zur Entwicklung oder Nichtentwicklung von Produktivkräften. Teilweise machen sich die in die Waren eingebauten Vorrichtungen des künstlichen Verschleisses Fortschritte der Technologie zunutze oder setzten sie voraus, teilweise nicht.

Ibers Lob der „systematischen“ Argumentation im „Kapital“ verheisst eine bestimmte „Durchkomposition“ seines eigenen Bandes. Der Leser erwartet Kohärenz des Gedankengangs, die sachlich als notwendig ausgewiesene Abfolge der Argumente, die „saubere“ Unterscheidung zwischen verschiedenen Abstraktionsebenen und die Vermeidung eines (nicht zuletzt gerade von Marx kritisierten) unmittelbaren Vergleichs von abstrakten Aussagen mit „den Fakten“. Stattdessen finden wir bei Iber einen losen und sprunghaften Umgang mit Argumenten vor.

Inhaltlich zeigt sich Ibers Darstellung beherrscht vom Bild der eindimensionalen Gesellschaft. Er scheint den Kapitalismus nur dadurch kritisieren zu können, dass er in einen Überbietungswettbewerb um die Verleihung negativer Attribute einsteigt und selbst die schwärzeste Charakterisierung des Kapitalismus bietet. Auf S. 126 heisst es: „Marx’ Grundbestimmung ist, dass diejenigen, die von der Lohnarbeit leben, auch nur für sie leben“. Iber verwechselt das Urteil zu einer Sache mit dem Verdikt über sie. Er übergeht den Unterschied zwischen den Lohnabhängigen einerseits und Sklaven sowie Leibeigenen andererseits. Mit der bürgerlichen Gesellschaft hat sich ein Unterschied entwickelt „zwischen dem Leben jedes Individuums ,soweit es persönlich ist, und insofern es unter irgendeinen Zweig der Arbeit und die dazugehörigen Bedingungen subsumiert ist“ (MEW 3, 76).

Mit der Lohnarbeit ist „der Arbeiter formell als Person gesetzt ... , der noch etwas ausser seiner Arbeit für sich ist und der seine Lebensäusserung nur veräussern kann als Mittel für sein eigenes Leben“ (Marx 1974, 200). Die gewiss beschränkte und begrenzte, dadurch aber nicht nichtexistente Entfaltung der Lohnabhängigen im Nichtarbeitsbereich ist in Ibers pseudoradikalem Bescheid ausgeschlossen, der Lohnabhängige lebe „nur für“ die Lohnarbeit. Diese Auskunft Ibers erinnert an eine recht spezielle Position innerhalb des Marx-Verständnisses.[3] Insofern sie einen Iber folgt hier einer These der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ (2/1992, S. 82): „Dass Lohnarbeiter nicht arbeiten, um zu leben, sondern umgekehrt ihr ganzes Leben darauf einstellen, die Arbeit und ihre Folgen für die Reproduktion auszuhalten – dafür sorgt das Kapital durch ihre Benützung.“ In der Vorgängerpublikation des Gegenstandpunkt, der MSZ, heisst es im Artikel roten Faden von Ibers Band bildet, werden wir auch im weiteren auf sie stossen.

Nach der Devise „viel hilft viel“ stellt Iber auch die Entwicklung der Qualifikation der Arbeitenden im Kapitalismus im Sinne einer negativen Utopie dar. Als ginge es um science fiction, spricht Iber von „der Ablösung aller Arbeitsfunktionen vom arbeitenden Subjekt und ihrer Objektivierung im Arbeitsmittel“ (170). Suggeriert wird so, die Maschinen arbeiteten allein vor sich hin – ohne menschliche Arbeitskräfte. Im nächsten Satz heisst es: „Der subjektive Umgang des Arbeiters mit dem Werkzeug wird ersetzt durch die Maschine“ (Ebd.). Möchte uns der Autor sagen, dass der vorkapitalistische Handwerker subjektiv mit dem Werkzeug umgehen kann? Sein „subjektiver Umgang“ mit dem Werkzeug findet bspw. beim Holzfällen, beim Weben oder beim Schmieden enge Grenzen. Sie sind durch den sachgemässen Gebrauch des Werkzeugs gesetzt. Ohne ihn kommt kein Produkt zustande und bleibt kein Arbeitender unverletzt.

Für den Kapitalismus tut Iber so, als existiere kein Erfahrungswissen in der Produktion. Dabei wird es im Falle von Abweichungen und Fehlerprozessen relevant. Im Unterschied zu auf Berechenbarkeit und Eindeutigkeit fokussierten Kompetenzen sind nun „ein Gefühl für Material und Maschinen“ und „das blitzartige intuitive Erfassen von Störungen und … die Orientierung am Geräusch von Maschinen und Bearbeitungsprozessen“ gefordert (Böhle, Schulze 1997, 30). „Tacit knowing“ baut sich aus der Auseinandersetzung, Erfahrung und Vertrautheit in einem jeweiligen besonderen Feld auf. Bei dieser erfahrungsgebundenen Könnerschaft steckt das „Wissen, wie es geht“, im Können und ist nur in engen Grenzen explizit formulierbar oder formalisierbar. Dieses „implizite Wissen“ bildet keine Restgrösse, die sich der (zukünftig sukzessive überwindbaren) ungenügenden Ausbildung oder (der noch beschränkten) Ausbreitung des theoretischen Wissens verdankt. Ibers Ignoranz gegenüber dem Erfahrungswissen passt zu dem von der Marxistischen Gruppe bzw. der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ vertretenen kognitivistischen Modell von antikapitalistischer Praxis (vgl. Creydt 2015, 186-194), das auch den vorliegenden Band prägt.

In Ibers negativer Utopie, die er als Marx’ Analyse des Kapitalismus ausgibt, wird „die Subjektivität des Arbeiters … reduziert auf ihre Äusserung als einer blossen Naturkraft. Gerade da, wo alle geistigen Potenzen der Arbeit im Dienst des Kapitals fungieren, werden die geistigen Potenzen des Arbeiters von seiner geistlosen Betätigung absorbiert“ (187). Iber ignoriert die Diskussion über die erforderlichen Qualifikationen bei automatisierter Produktion. Das unvorhersehbare und durch Apparate nicht substituierbare Handeln ist in der automatisierten Produktion auf besondere Weise benötigt (vgl. PAQ 1987, 137). „Je komplizierter die Arbeitsabläufe sind, je qualifizierter die Arbeit an den einzelnen Anlagen ist, desto weniger ist ein Vorgesetzter in der Lage, einzelne Tätigkeitsschritte exakt zu bestimmen und vorzuschreiben oder genau zu kontrollieren, was der Beschäftigte an der Anlage gerade macht oder machen muss, um sie in Betrieb zu halten“ (Pekruhl 1995, 121). Vgl. gleichsinnige Einschätzungen bei PAQ 1987, 30f., Schumann u.a. 1994, 643f., 649f. (Ich zitiere bewusst nur aus Untersuchungen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von Ibers Band bereits vorlagen.)

Mit der „Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses“ und der „Intellektualisierung der Produktionsarbeit“ geraten die betrieblichen Arbeitsteilungen unter Veränderungsdruck: „War es in der vorautomatischen Produktion noch verträglich, planendes, entscheidendes und entwickelndes Eingreifen in die Produktion bei Ingenieuren und Technikern zu monopolisieren, wird dies in der automatisierten Produktion zum Hemmnis. Nicht nur rücken die Ingenieure direkt in die Produktion vor, die Arbeiter gewinnen in dem Ingenieursprodukt Automation einen nicht vorausgesehenen Stellenwert. Sie machen Erfahrungen mit den Anlagen, aus denen die Ingenieure lernen können“ (PAQ 1987, 58).

Iber meint, im Kapitalismus werde durch die Maschinen „menschliches Geschick überflüssig“ (172f.). „Die Arbeiter fungieren hier (in der Fabrik – Verf.) nur noch als Handlanger der Maschinen.

... Die wesentliche Qualifikation ihrer Arbeitskraft wird auf das blosse Aushalten der von der kontinuierlichen Bewegung der Maschinerie vorgeschriebenen Leistung in der festgelegten Geschwindigkeit reduziert. Die gefordert Qualifikation heisst Anpassung und Mobilität“ (177). Wie durch das „blosse Aushalten“[4] sowie „Anpassung und Mobilität“ Gebrauchswerte geschaffen werden können, das bleibt Ibers Geheimnis. „Die Ausbildung der Arbeiter kann auf eine minimale Anlernzeit beschränkt werden“ (178). Die Existenz von Facharbeitern und Berufsausbildung ist mit Ibers Dequalifikations- und Degrationsthese ausgeschlossen. Iber fügt en passant die erstaunliche These an, unter den Arbeitern existiere kein Konkurrenzgeist. „Sie vergleichen sich nicht persönlich mit anderen und fangen darüber an, miteinander zu konkurrieren, denn … die Maschinen lassen ihnen dazu gar keine Zeit und Spielraum“ (178f.).

Iber meint, den Kapitalismus so schwarz darstellen zu müssen wie nur eben möglich. Anders erscheint ihm Kritik nicht machbar. Ibers Begriff von Kritik ist eine Kritik am Kapitalismus von aussen. Dass in den Arbeitsprozessen selbst Qualifikationen und Erfahrungen entstehen, mit denen die Arbeitende sich gegen die kapitalistischen Formen der Arbeit stellen (vgl. Creydt 2014, 35ff.)[5], ist im Denkmodell der Marxistischen Gruppe bzw. der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“, dem Iber folgt, ausgeschlossen. Folgerichtig muss Iber Passagen aus dem „Kapital“ unter den Tisch fallen lassen, die seiner Position widersprechen. Bspw. ist bei Marx die Rede von „polytechnischen und agronomischen Schulen ..., worin die Kinder der Arbeiter einigen Unterricht in der Technologie und praktischen Handhabe der verschiednen Produktionsinstrumente erhalten“ (MEW 23, 512). Bereits im Kapitalismus wird es notwendig, „das Teilindividuum, den blossen Träger einer gesellschaftlichen Teilfunktion“ tendenziell „zu ersetzen durch das total entwickelte Individuum. … Es unterliegt ebensowenig einem Zweifel, dass die kapitalistische Form der Produktion und die ihr entsprechenden ökonomischen Arbeiterverhältnisse im diametralen Widerspruch stehn mit solchen Umwälzungsfermenten und ihrem Ziel, der Aufhebung der alten Teilung der Arbeit. Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform ist jedoch der einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung“ (Ebd.).

Seine Leugnung des Doppelcharakters der gesellschaftlichen Arbeit im Kapitalismus nennt Iber „Negativismus“: „Radikal negativistisch ist Marx’ Kritik insofern, als sie die Alternativelosigkeit der arbeitenden Menschheit aufzeigt, dass es für sie keine Möglichkeit gibt, dem effizienten Ausbeutungssystem des Kapitals zu entkommen“ (17). Warum es dann noch der von Iber befürworteten „Aufklärung“ bedarf (290), die doch nach dieser Feststellung unmöglich ist, bleibt unaufgeklärt. Die Meinung, im Kapitalismus sei alles Ausdruck einer eindimensionalen Gesellschaft, hat auch Konsequenzen für die Darstellung der herrschenden Seite des Kapitalismus. Iber meint zum herrschenden Bewusstsein im Kapitalismus, die „Marx’sche Theorie verfolgt den Warenfetisch von den anfänglichen (Ware/Geld) bis zu den entwickeltsten Kategorien (Kapital-Profit/Zins, Boden-Rente, Arbeitslohn)“ (71). Diese Auskunft ignoriert, dass sich der Warenfetisch, der Lohnfetisch, der Kapitalfetisch, die Mystifikationen des Zinses usw. materialiter deutlich voneinander unterscheiden. Marx, den Iber darzustellen vorgibt, subsumiert sie nicht dem Warenfetisch.

Inhalt und Stil des Bandes wirken so, als sei sein Verfasser Anhänger der Marxistischen Gruppe (MG) bzw. der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ (GSP). Der Staat erscheint ihnen als Supersubjekt der kapitalistischen Ökonomie. Iber schreibt entsprechend bspw., „der moderne Staat organisiert ... eine wachstumsfördernde Konkurrenz der Kapitale“ (256). An anderer Stelle redet er davon, „die Staaten betätigen sich als Gestalter des Weltmarkts“ (208). Zum Fehler von MG/GSP, den Staat zur Basis der Ökonomie zu erheben, vgl. Creydt 2015, S. 62-75.

Zum mit Fleiss kultivierten Habitus von MG/GSP gehört es, die Nase anlässlich anderer Autoren so hoch zu halten, dass es reinregnet. Andere, die sich mit dem „Kapital“ befasst haben, kommen bei den selbsternannten Superradikalen allenfalls vor, indem sie mit ebenso abfälligen wie unqualifizierten Nebenbemerkungen verbellt werden. Bspw. gab es über den sog. „Warenfetischismus“ in den letzten 50 Jahren eine intensive Diskussion. Iber meint zu dieser Diskussion bemerken zu müssen, der „sog. Warenfetisch … ist kein harmloses Haustier, wie viele Marxisten ihn darstellen“ (20). Er benennt keinen Autor, auf dessen Verständnis des Warenfetischismus dies zutrifft. (Das dürfte auch schwierig werden.) Iber verhandelt ebenso sachfremd die Darstellung des Warenfetisch bei Georg Lukacs’ in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ als „Anthropologisierung“ des Marxismus (71). Bloch und Mandel meint Iber als dumme Jungs seinem Publikum vorstellen zu können: „Nach ihren Interpretationen ist der Kapitalismus eigentlich schon Sozialismus, nur ist er sich dessen noch nicht bewusst“ (226).

Wie im Milieu von MG/GSP üblich, macht auch Iber andere Theoretiker sich zu Karikaturen zurecht. Den Studenten teilt er in seinen im Buch veröffentlichten Vorträgen beiläufig Negativst-Etikettierungen mit. Sie suggerieren, die Beschäftigung mit Lukacs, Bloch oder Mandel lohne erst gar nicht, handele es sich doch um Denker, die geistig so unbedarft seien, dass sie die offensichtlichsten „Fehler“ machen. Das Paralleluniversum der Sekte lebt vom Autismus. Ihr gilt alles ausserhalb des eigenen Schrifttums als absurder Unsinn bzw. als tabula rasa. Dann lässt sich umso ungehemmter Tischlein-deck-dich veranstalten. Kritik missrät zur donquichotesken Destruktion der vom Kritiker selbst konstruierten Pappkameraden.

Bereits Ibers Darstellungsweise macht nicht deutlich, worin der Vorzug seines Bandes gegenüber anderen Darstellungen des ersten Bandes des ‚Kapital’ liegen soll. (Vgl. z. B. Altvater u. a. 1999, Michael Berger 2003, Heinrich 2004). Im Unterschied zu diesen Bänden kann sich Iber nicht von der langatmigen Nacherzählung lösen. Der Leser ermüdet angesichts der „Gelehrsamkeit, die sich da immer am breitesten ausdehnt, wo am wenigsten zu holen ist“ (Hegel 12, 341). Seltsam muten Ibers Rede über „qualitativ gutes Leben“ (227) (Telefernseher?) an und Heideggerianismen wie „Arbeitszeitung innerhalb der Gesellschaft“ (167). Iber bezieht sich auf Schriften Adornos von 1954 und 1962 und redet vom „frühen Adorno“ (72). Verstiegen wirkt Ibers Selbstdarstellung, er zeige, wie „der späte Marx Philosophie im Modus ihrer Negation betreibt“ (15). Iber versucht sich hier und in seinem „Negativismus“ (s.o.) an einem Amalgam aus Michael Theunissen und Karl Marx und überhebt sich.

Iber verwendet Gedanken und Formulierungen aus meinem Band „Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit“ (Frankf. M. 2000) ohne Zitatangaben. In http://www.meinhard-creydt.de/archives/578 dokumentiere ich vier Passagen, die sich bereits auf S. 16-18 im ersten Kapitel („Exposition einer neuen Kapitallektüre. 1. Motive und Intention“) von Ibers Buch finden.

Ibers teilt freigiebig vernichtende Urteile aus: „Die geistigen Potenzen des Arbeiters (werden – Verf.) von seiner geistlosen Betätigung absorbiert“ (187). Generös spricht er die Arbeitenden allerdings davon frei, „Konkurrenzgeier“ zu sein (179). Was auch immer das Verhalten eines „Konkurrenzgeiers“ sein mag, vielleicht hilft zum Verständnis dieses Ausdrucks der Blick auf Ibers Umgang mit anderen Autoren und dem Urheberrecht.

Meinhard Creydt

Christian Iber: Grundzüge der Marx'schen Kapitalismustheorie. Parerga Verlag, Berlin 2005. 355 Seiten, ca. 28.00 SFr. ISBN 978-3937262307

Fussnoten:

[1] Ingo Elbe (2006) fokussiert sich in seiner Auseinandersetzung mit Ibers Band auf dessen Behandlung „werttheoretischer Grundsatzprobleme“, worunter er die „Veränderung der Wertformanalyse von der Erst- zur Zweitauflage“ und „die handlungstheoretische Erklärung des Geldes im zweiten Kapitel“ (des ‚Kapital’) versteht.

[2] Umfassenden aktuellen Überblick bietet die 2013 erschienene Studie „Geplante Obsoleszenz“ von Stefan Schridde und Christian Kreiss. Das Ergebnis: „‚Geplanter Verschleiss ist ein Massenphänomen.‛ … So gibt es bei Tintenstrahldruckern interne Zähler, die nach einigen Tausend Seiten Wartungsbedarf melden, obwohl das Gerät weiterdrucken könnte. Für Schuhsohlen werden Gummisorten verwendet, die schnell abreiben und verklebt sind, sodass man die Sohle nicht tauschen kann. In Jacken gibt es Reissverschlüsse, deren Zähne spiralförmig angeordnet sind, weshalb sie frühzeitig den Dienst versagen. Und sie fanden Waschmaschinen, deren Heizstäbe verdächtig schnell rosteten: Ihre Reparatur ist meist sündhaft teuer. … Müssten die Verbraucher nicht ständig neue Produkte kaufen, weil die alten zu früh kaputtgehen, blieben ihnen im Jahr 100 Milliarden € übrig“ (Süddeutsche.de, 20.3.2013).

[3] Iber folgt hier einer These der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ (2/1992, S. 82): „Dass Lohnarbeiter nicht arbeiten, um zu leben, sondern umgekehrt ihr ganzes Leben darauf einstellen, die Arbeit und ihre Folgen für die Reproduktion auszuhalten – dafür sorgt das Kapital durch ihre Benützung.“ In der Vorgängerpublikation des Gegenstandpunkt, der MSZ, heisst es im Artikel

[4] Iber folgt hier einer These der Marxistischen Gruppe: Die „Runderneuerung der bundesdeutschen Wirtschaft und ihres Produktionsapparats … hat auch sichergestellt, dass in Sachen Produktivität nichts mehr vom Einsatzwillen und Geschick der produktiven Lohnarbeiter abhängt – die müssen’s ‚nur noch’ aushalten“ (MSZ 1/1985, S. 19f.). Vgl. ebenso Gegenstandpunkt 2/1992, S. 98.

[5] Der Konflikt im Arbeitsprozess zwischen geforderten bzw. entstehenden Kompetenzen einerseits, den ihnen auferlegten Schranken andererseits wird prägnant vom früheren Bochumer Opel-Betriebsrat Wolfgang Schaumberg vergegenwärtigt. Gruppenarbeit macht Gruppengespräche notwendig. Diese finden zuerst wöchentlich einstündig statt, später werden alle 14 Tage 30 Minuten angesetzt. „Den Leuten wird vorgegaukelt: Ihr habt jetzt etwas zu sagen, Ihr lernt Kommunikation und soziale Kompetenz, und wenn sie wirklich mal – sozusagen – diese Fähigkeiten anwenden wollen, dann wird ihnen sehr schnell gesagt, da und da sind aber die Grenzen. Auch mit dem, was die Leute sonst noch lernen: über den Arbeitsplatz hinauszugucken und Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, das muss das Kapital beschneiden. Also irgendwie ist Wissen etwas Explosives, und die haben dann auch Mühe, den Leuten zu sagen: Wenn du jetzt am PC das und das machst, darfst Du bis dahin, und dann brauchst Du ein Passwort, und dann macht der Abteilungsleiter weiter. Unsere Diskussion dazu ist: Können wir denn nicht mehr, als man uns lässt? Hat nicht die Form der Automatisierung heute auch uns neue Möglichkeiten gegeben, einfach mehr vom Produktionsprozess und den Zusammenhängen und Hintergründen zu kapieren und zu lernen und uns vorzustellen: Mensch, könnten wir das nicht auch in eigener Regie?“ (Schaumberg 2002).

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