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Upton Sinclair: Der Dschungel | Untergrund-Blättle

Datum

6. Juli 2017, 15:36 Uhr

Buchrezensionen

Upton Sinclair: Der Dschungel Das grosse Arbeiterelend in den Schlachthöfen von Chicago

Belletristik

Der US-amerikanische Schriftsteller und Aktivist Upton Sinclair verarbeitete vor mehr als hundert Jahren in seinem sozialkritischen Roman «Der Dschungel» seine Eindrücke über die menschenunwürdige und erbarmungslose Ausbeutung der osteuropäischen Migranten in den neu entstandenen Industriezonen von Chicago.

Die berühmtberüchtigten Schlachthöfe (Union Stock Yards) in Chicago, Illinois, USA.
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Bild: Die berühmt-berüchtigten Schlachthöfe (Union Stock Yards) in Chicago, Illinois, USA. / John Vachon (PD)

6. Juli 2017

6. Jul. 2017

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Als Jack London 1906 nach Erscheinen des Buches den Roman seines Freundes Upton Sinclair in den höchsten Tönen lobte und das Werk als „Onkel Tom’s Hütte der Lohnsklaverei“ pries, der Autor persönlich vom damaligen Präsidenten Roosevelt ins weisse Haus geladen wurde und die amerikanische Gesellschaft begann, sich für den Hintergrund der Geschichte zu interessieren, schien ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der linken US-Politik getan worden zu sein.

Doch genauso wie der romantische Abenteurer Jack London in späteren Jahren der amerikanischen Arbeiterschaft den Rücken zuwandte um sich reaktionäreren Themen zu widmen, verschloss sich auch der durchschnittliche US-Bürger nach einer anfänglichen Phase der Empathie dem tieferen Inhalt des Romans. Die Bürger interessierten sich damals nicht anders als heute mehr für die Verbesserung der Fleischqualität und die Einhaltung von Hygienestandards bei der Produktion als für das bittere Los der ausgebeuteten ArbeiterInnen in den Schlachthöfen von Chicago. Sinclair meinte dazu, er habe aufs Herz gezielt und den Magen getroffen.

Die Stockyards in Chicago

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden profesionelle Anwerber von US-Industriekonzernen in arme osteuropäische Länder wie Litauen, Polen oder der Slowakei geschickt um die leidende Bevölkerung zu überreden, in die prosperierende US-Metropole Chicago auszuwandern und dort in den unzähligen Fleischfabriken an den Rändern der Stadt, den sogenannten Stockyards, zu arbeiten. Nicht wenige folgten diesem Ruf, um dem Hunger und dem Elend in der Heimat zu entfliehen. Nach entbehrungsreicher und mühseliger Reise, auf der mancher Auswanderer durch Betrug und Beamtenkorruption seine mitgeführten kärglichen Ersparnisse bereits verlor, fanden sie in den Peripherien der für damalige Verhältnisse riesigen Stadt katastrophale Verhältnisse vor.

Der Held der Geschichte, Jurgis Redkus, ist ein litauischer Bauernsohn, der Hof und Land in der Heimat verkauft hatte um mit seiner Familie im fernen Chicago sein Glück zu versuchen. Die Realität vor Ort ist jedoch dermassen ernüchternd, dass die gesamte Familie in eine Art Schockzustand verfällt. Die Luft ist von den gewaltigen Schlachthofanlagen verpestet, ein Gemisch von Tierblut, verwesendem Fleisch und russigen Abgasen aus den überdimensionalen Fabrikschloten hängt permanent in der Luft und durchzieht die riesigen, an die Fabrikanlagen angrenzenden Arbeitersiedlungen.

Die Slums am Rande der Stadt

Die litauische Auswandererfamilie lebt in einer dieser endlosen, schäbigen Reihenhausanordnungen, welche rund um die Fabriken der aufstrebenden Fleischindustrie errichtet wurden. Täglich werden in den Schlachthöfen von Chicago zu dieser Zeit an die 20.000 Tiere, vornehmlich Rinder und Schweine, geschlachtet und verarbeitet. Die Auswanderer arbeiten bis zu zwölf Stunden täglich und sechs Tage in der Woche in den dunklen, unbeheizten Räumlichkeiten der unzähligen Schlachtbetriebe unter einem horrenden Zeitdruck zu einem lumpigen Lohn, der knapp für Miete und Lebensmittel reicht.

Die Anfänge der Automatisierung und deren Auswirkungen auf die Belegschaft der Fabriken werden dem Leser anhand des Schicksals des Protagonisten Jurgi drastisch vor Augen geführt. Anfangs noch kräftig und robust, zerbrechen die Arbeiter nach wenigen Jahren unter dem Druck von Akkordarbeit, unzähligen Überstunden und der Feuchtigkeit und Kälte vor Ort. Arbeitsunfälle an den Maschinen sind an der Tagesordnung, Krankheit und körperliche Abnutzungserscheinungen gehören ebenso zum Schicksal der Migranten wie der permanente Überlebenskampf in den Slums am Rande der Stadt.

Jurgis Vater gerät als Erster unter die alles zermalmenden Räder der Maschine. Nach einem schrecklichen Arbeitsunfall stirbt er an den Folgen seiner Verletzung, auch weil sich die Familie die Konsultation eines Arztes nicht leisten kann. Die Frau von Jurgis wird von einem Vorarbeiter sexuell missbraucht und als der Ehemann daraufhin den Übeltäter arg verprügelt, landet er zum ersten Mal im Gefängnis. Die Abwärtsspirale, in der sich die Familie befindet, beginnt sich nun immer schneller zu drehen. Weitere Schicksalsschläge folgen: Tod des zweijährigen Sohnes, Tod der Ehefrau nach einer schweren Schwangerschaft, Verlust des Arbeitsplatzes und des auf Kredit gekauften Eigenheims.

Ab der zweiten Hälfte der Geschichte wirkt der Handlungsstrang leider zunehmend etwas konstruiert. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Autor hier im Schnelldurchlauf dem Leser all die facettenreichen Milieus der Chicagoer Unterschicht näher bringen möchte. Jurgis driftet dementsprechend nach einem weiteren Gefängnisaufenthalt in die Kriminelle Szene der Grossstadt ab. Er organisiert Einbrüche, beteiligt sich an Wettmauscheleien, mischt beim Stimmenkauf für einen republikanischen Politiker mit. Immer wieder landet Jurgis auch auf der Strasse und teilt somit das Los der Obdachlosigkeit mit unzähligen Anderen. Auf der untersten Stufe angekommen und dem nackten Überlebenskampf ausgeliefert, zeigt sich die Fratze der frühkapitalistischen Maschinerie ungeschminkt. Jeder gegen jeden, alle gegen alle. Mitgefühl oder gar Hilfsbereitschaft kann den eigenen Untergang zur Folge haben, jeder muss sich selbst der Nächste sein.

Der grosse Massenstreik

Als ein von der Gewerkschaft organisierter Massenstreik die Fleischindustrie lahmlegt, springt Jurgis als Streikbrecher in die Lücke, um seinem eigenen Elend zu entfliehen. Damit ist er nicht der Einzige. Aus dem ganzen Land, aber vor allem aus dem ärmlichen Süden, werden ganze Eisenbahnwaggons voller arbeitswilliger Menschen herangekarrt, um die Fleischproduktion am Laufen zu halten. Der Streik der Arbeiter mit der Forderung nach einer Humanisierung des Industriesektors in Chicago hat von Anfang an keine Erfolgsaussichten, obwohl sich weit mehr als die Hälfte der Arbeiterschaft daran beteiligt.

Der Streikbrecher Jurgis erhält nach der Wiederaufnahme der normalen Produktion sogar einen Aufsichtsposten, verliert aber wiederum seinen hart erkämpften Arbeitsplatz, weil er erneut einen Vorgesetzten tätlich angreift. Nach Gefängnisaufenthalt und Obdachlosigkeit findet er bei einer Veranstaltung von Sozialisten seine wahre Bestimmung. Er kehrt zu den Resten seiner Familie in den Slums zurück wo er fortan als Polit-Aktivist für den Sozialismus tätig ist.

Upton Sinclairs Parabel über die Schlachthöfe von Chicago muss als harsche und kompromisslose Kritik an der rücksichtslosen Verwertungsideologie des kapitalistischen Systems verstanden werden. Der Schriftsteller hat selber in den Schlachthöfen von Chicago gearbeitet und viele seiner Erlebnisse in die Geschichte mit eingebunden. Was er dort am eigenen Körper erfahren hat, ist das brutale Auspressen der menschlichen Arbeitskraft unter rein ökonomischen Gesichtspunkten. Die einzelnen Persönlichkeiten verschwinden in einer undefinierbaren Biomasse, welche verheizt, weggeworfen und entsorgt wird. Die Profitgier einiger weniger Monopolisten stürzte Millionen von Menschen in das kalkulierte Verderben von Hunger, Armut, Schmutz und Elend.

Angesichts dieser Armut fordert Sinclair vehement und immer wieder die Verstaatlichung von Produktionsmitteln und die Entprivatisierung der Infrastrukturen des Landes. Damit wendet er sich plakativ von den Forderungen der Gewerkschaft nach besserer Entlöhnung und sichereren Arbeitsbedingungen ab, da diese seiner Meinung nach zu kurz greifen, und verlangt somit schon sehr früh eine radikale Reform der kapitalistischen Produktionsweise.

In den USA zumindest stösst er dabei jedoch auf taube Ohren. Bis heute ist es den progressiven Kräften in den USA nicht gelungen, ein linkes, politisch verantwortungsvolles Bewusstsein in einem grösseren Teil der Gesellschaft zu verankern. Und, es ist alles ganz anders gekommen. Wie wir alle wissen haben die Kommunistensäuberungen der Ära McCarthy in den 40er Jahren den Grundstein gelegt für den zügellosen Neoliberalismus der achtziger Jahre von Ronald Reagen, welcher dem Land bis heute seinen Stempel aufgedrückt hat.

Ricardo Tristano

Upton Sinclair: Der Dschungel. Unionsverlag Zürich 2014. 416 Seiten, ca. 23.00 SFr. ISBN 978-3-293-20664-9