Datum

15. Juli 2016

Buchrezensionen

Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen Nicht lesen, nicht träumen, nicht sprechen

Belletristik

In seinem dystopischen Roman von 2006 schildert Zelter ein reales Horrorszenario im Jahr 2016.

Arbeitsamt von Walter Gropius; erbaut 1928–29.
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Bild: Arbeitsamt von Walter Gropius; erbaut 1928–29. / Video2005 (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

Mit den Todesanzeigen fängt es an: Sie sind der Schlüssel zum Erfolg. Also klatscht Trainer Ansgar Fest seinen Schülern einen Stapel Zeitungen aufs Pult und befiehlt: „Suchen Sie sämtliche Tote, die nach 1970 geboren wurden! Besser noch nach 1975. Suchen Sie!“ (S. 52)

Und wie sie suchen. Sie suchen nach Hinweisen auf Geburtsdaten und nach Berufsbezeichnungen. Sie suchen nach Angehörigen und nach deren Telefonnummern. Sie rufen an und kondolieren. Sie fragen nach dem Arbeitgeber der Toten und bewerben sich initiativ. Jederzeit könnten sie einspringen. Jederzeit, das heisst: sofort. Schliesslich sind sie „langzeitarbeitslos“.

Hier im „Sphericon“ will man ihnen Beine machen. In die „stillgelegte Fabrik in einem niedergegangenen Industriegebiet“ (S. 5) verfrachtet die Bundesagentur für Arbeit die als besonders schwierig eingestuften Fälle per Bus. Natürlich ist die Teilnahme freiwillig. Wer jedoch nicht spurt, muss fortan mit Lebensmittelgutscheinen einkaufen. Die Busse zum „Sphericon“, daraus macht das Amt keinen Hehl, dienen als „fahrende Schreckbilder, wenn nicht: Abschreckbilder“ (S. 16). An der Autobahnraststätte sollen die anderen Reisenden den Slogan „Deutschland bewegt sich“ auf dem Bus sehen und die gequälten Gesichter der Erwerbslosen genau in Augenschein nehmen; auf dass sie bloss nie auf die Idee kommen mögen, ihren Job aufzugeben – sei er auch noch so zermürbend oder schlecht bezahlt.

Was Joachim Zelter in seinem 2006 erschienenen Roman „Schule der Arbeitslosen“ so satirisch starten lässt, entwickelt sich zu einem Horrorszenario: Wir schreiben das Jahr 2016, und die Digitalisierung der Arbeitswelt schreitet unaufhörlich voran, sodass für viele Arbeiten keine Menschen mehr gebraucht werden. Trotzdem rüttelt der Staat nicht am Dogma der Erwerbsarbeit, wie Fest seinen im „Sphericon“ angekommenen Untergebenen zu Anfang erklärt:

„Die Arbeit verfolgt uns nicht mehr. Wir verfolgen sie. Wir fahnden nach ihr. Mit allen Mitteln. Wie nach einem kostbaren Rohstoff. Oder wie ein Jäger nach Beute. Die eigentliche Arbeit ist heute nicht mehr die Arbeit selbst, sondern die Suche nach Arbeit“ (S. 34).

Arbeit als Selbstzweck: ein Kern der deutschen Kultur. Schon im 16. Jahrhundert war das Arbeitshaus als armenpolitische Massnahme etabliert. Hier wurden Menschen interniert, um sie einerseits aus dem öffentlichen Bild zu entfernen und andererseits ihre Arbeitskraft effektiver ausbeuten zu können. Armut galt als selbstverschuldet und die Eingliederung in Arbeit darum als Disziplinierungsmassnahme. Nach ihrer Abschaffung zu Beginn des 20. Jahrhunderts kehrte die Praxis der Arbeitshäuser ab 1933 mit der NS-Diktatur zurück. In Armut lebende Menschen wurden als „asozial“ und „arbeitsscheu“ gebrandmarkt und in Konzentrationslager geschickt, in denen eine brutale „Umerziehung durch Arbeit“ im Mittelpunkt stand.

Huxley und Orwell beim Marx-Lesekreis

Als erzieherische Arbeitsanstalt begreift sich Anfang des 21. Jahrhunderts auch „Sphericon“. Jeden Tag „um 6 Uhr 15 beginnt das morgendliche Weckprogramm“ (S. 39), anschliessend stehen acht Stunden Unterricht in Business-Englisch oder Lebenslaufschreiben an. Je nach Betragen erhalten die Teilnehmenden sogenannte „Bonus Coins“, mit denen sie sich an den Nahrungsmittelautomaten ihr Menü ziehen können. Im Keller stehen Fitnessgeräte, mithilfe derer sich die Trainees fit für die Ausbeutung machen müssen, und es gibt die Konvention des Nachmittagsschläfchens („Power Napping“), das bekleidet auf den Betten (nicht unter der Bettdecke!) zu absolvieren ist.

Im Fernsehraum flimmert immer nur die Serie „Job Quest“ über den Bildschirm, in der Arbeitslose „auf abenteuerlichen Wegen nach Arbeit suchen und sie am Ende auch finden“ (S. 43). Abends wird „das Licht um elf Uhr gelöscht“ (S. 72); jede dritte oder vierte Nacht wird jemand „geweckt, in das Büro der Schulleitung geführt und in simulierten Vorstellungsgesprächen befragt – in stundenlangen Verhören“ (S. 113f.).

Wie jede gute Dystopie, so bläst auch Zelter seine fabulierte Story so stark auf, dass unser Wirklichkeitsabgleich umso leichter gelingt. Er entstellt die Realität bis zur Kenntlichkeit. Sein Roman liest sich so erhellend wie beklemmend, als hätten sich Aldous Huxley und George Orwell im Marx-Lesekreis kennengelernt und unter dem Pseudonym „Joachim Zelter“ eine stilistisch schlanke und atmosphärisch zugespitzte Vision des Grauens aufgeschrieben. Gespenstisch nüchtern schildert der Autor einen Knast, der Individuen zu blossen Wirtschaftssubjekten degradiert.

Denn der Weg der Internierten zur staatlich gewünschten Unterwerfung läuft im Roman wie in der Realität über existenziellen Zwang. Die Delinquenten heissen im Buch „Trainees“ und beim Jobcenter „Kunden“; in beiden Welten unterschreiben sie eine „Eingliederungsvereinbarung“, und doch sind sie nur Befehlsempfänger, denen nichts bleibt, als die Erwerbsarbeitsideologie bei Strafe ihres jämmerlichen Krepierens hinzunehmen.

Arbeitslosigkeit ist „widernatürlich und unmenschlich“

Mit Roland Bergmann und Karla Meier rückt Zelter zwei Figuren in den Fokus. Sie sind beide Mitte dreissig, sie haben beide studiert und sie sind beide mit der einen oder anderen Lücke zu viel im Lebenslauf angetreten. Da es im Bewerbungstraining nicht um „die Übereinstimmung von Lebenslauf und Lebenswirklichkeit, sondern um innere Stimmigkeit“ (S. 134) geht, werden ihnen arbeitsmarkttaugliche Lückenfüller eingetrichtert. Als die Schulleitung intern eine Trainerstelle ausschreibt und alle Trainees zwingt, sich zu bewerben, da rebelliert zuerst Roland und – nachdem der eingeknickt ist – auch Karla.

Sie gibt nicht nach und wird in den „Verfügungsraum für besondere Verwendungen“ (S. 177) im Keller gesperrt. Jeder Kontakt nach aussen wird ihr verweigert, und auch eine vorzeitige Entlassung kommt nicht in Frage. In diesem „Denkraum“ (S. 183) können sie die anderen Trainees beobachten, die für ihren Bewerbungseifer mit zusätzlichen „Bonus Coins“ belohnt werden und verächtlich auf diese Rebellin herabblicken, denn – so Fest – Erwerbsarbeitsverweigerung ist „widernatürlich, unsozial und unmenschlich“ (S. 187).

Wenn Fest in einem seiner finalen Wutanfälle den auch durch den SPD-Politiker Franz Müntefering jahrelang nur allzu gern verwendeten Bibelspruch „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ (S. 188) zitiert, dann steuert dieser düstere Roman einer grandiosen Pointe entgegen, die hier natürlich nicht verraten sei. Ansgar Fest steigert sich indes kurz zuvor in einen bitteren Monolog hinein, der die brachiale Sinnlosigkeit und die krankmachende Wirkung des Erwerbsarbeitszwangs besser auf den Punkt bringt als jede soziologische Abhandlung:

„Kein anderes Wort ist erlaubt, ausser arbeitslos! Nicht lesen, nicht träumen, nicht sprechen – sondern arbeitslos: Das ist ein Mensch, dem alles Wesentliche fehlt. Wie ein Mensch ohne Fuss, ohne Augen, ohne Kopf. Ohne Freunde, ohne Herz und Verstand“ (S. 187).
Christian Baron / kritisch-lesen.de

Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen. Ein Roman. 2. Auflage. Klöpfer & Meyer, Tübingen., 2015. 208 Seiten, 24 SFr, ISBN 978-3-937667-71-3

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

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